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Der Israelit · 1885-06-08 · Heft 45 (8.6.1885) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 45 (8.6.1885)
Date
1885-06-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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740 die zwanzigjährige Tochter der Frau Haas ihre Verlobung mit einem armen, aber fleißigen und braven Handwerker. Die Familie saß beim Verlobungsmahl; das bräutliche Paar strahlte in vollstem Glücke, als sich plötzlich die Thür öffnet und ein fremder Mann an der Schwelle derselben erscheint. Der unbekannte war in einem langen, dunklen Mantel gehüllt und aus dem wettergcbräunten Gesichte leuchteten ein Paar glühende Augen, welche mit ihren Blicken bald auf die Frau und bald auf deren Tochter sielen. Eben hatte sich Frau Haas erhoben, um den Frcniden um die llrsache seines Erscheinens zu fragen, als dieser seinen Mantel abwarf, den brciträndcrigcn Hut vom Kopfe schleuderte und, indem er seine Arme äusbreitetc, mit innigem Herzenstone ausrief: „Emma — meine Emma — kennst Du mich nicht mehr?" — Ein Aufchrei und die Frau lag in den Armen ihres heimgekehrten Mannes. Hermann Haas war nach isjährigcr Abwesenheit wieder in seine Heimath, zu seiner Familie zurückgekehrt. Er erwarb sich in Brasilien reiche Schätze, errichtete in Sa) Paulo eine große Wollweberei und kam nun alsErösus wieder zu seinem Weibe zurück, wie er es in seinem Briefe vor 18 Jahren vorhergesagt hatte. Es läßt sich denken, daß dieses Ereigniß in dcni Städtchen Lundcnburg das allgemeine Tagesgespräch bildet und der Crösus ans Brasilien von seinen einstigen Freunden und Bekannten begrüßt und neugierig angestaunt wird. Rußland. Petersburg. Meldungen der Blätter zufolge ging dem Ncichsrathe ein von der unter dem Grafen Pahlen tagenden Kommission entworfenes Regulativ zu, welches sich mit dem Eintritt der Juden in die Universität, die das Gymnasium aösolvirt haben, beschäftigte. Für dieses Regulativ sei die Dringlichkeit beantragt. Feuilleton. Gerettet. Eine Erzählung von Friedrich Rott. Neunzehntes Kapitel. Der Doctor hatte recht, es hatte dem Knaben wohlgethan, sich über die ihn so sehr erschütternde Thatsache auszusprechcn, er sah freier aus und athmete leichter als er das Arbeitszimmer des Jnstitutsvorstehers verließ. Doch als er sich wieder allein befand, versank er wieder wie vorhin in trübes Brüten. Er hatte jedoch zwei Nächte nicht geschlafen, früher als gewöhnlich suchte er fein Lager auf; und so wie er sich niedergelegt hatte, schlopen sich seine Augen zu tiefem, traumlosen Schlummer. Tie Sonne stand schon hoch am Himmel, als er erwachte. Der Doctor, der sonst ziemlich strenge darauf sah, daß seine Zöglinge zur bestimmten Zeit am Platze, hatte angeordnet, daß Viktor nicht gestört werde, denn er betrachtete Schlaf als das beste Heilmittel für erregte Nerven. — Viktor fühlte sich jedoch trotz seines langen Schlafes nicht gestärkt, im Kopfe war cs ihm wirr und dumpf. Nicht rasch wie sonst sprang er aus dem Bette, um sich anzukleiden, langsam richtete er sich auf und blickte träumerisch vor sich nieder. Da ward die Thüre leise geöffnet, Herr Dr. Seebach trat in das Zimmer. „Ah, guten Morgen, mein lieber Viktor, wie geht es Ihnen?" „Danke, gut," erwiderte Viktor müde. „Ich glaube, cs ist schon spät." „Allzu früh ist's freilich nicht. Doch Sie hatten uachzuholen im Schlafen, darum habe ich Sie heute nicht wecken lassen. Ich hätte Sie auch jetzt noch nicht gestört, aber Ihr Papa kommt mit dem Mittagszug und es ist bereits halb elf. Sie dürfen nicht länger zögern, liebes Kind, Sie müssen sich ankleiden, frühstücken und dann zum Bahnhof. Ihr Papa würde erschrecken, wenn er Sie draußen nicht treffen würde." „Ich werde mich beeilen," entgegnete Viktor in demselben matten Ton wie vorhin. Der Doctor entfernte sich. Viktor beeilte sich in der That, ehe er jedoch das Zimmer verließ, nahm er das kleine viereckige Gewand mit den Schaufäden aus dem Couvert und drückte sie inbrünstig an die Lippe:». „Höre Israel, der Ewige unser Gott, ist ein einziges Wesen!" flüsterte er. Es »var das einzige jüdische Gebet, dessen er sich erinnerte und seit seinem Besuche bei Maiüaum hatte er es Abe»»ds und Morgens gesprochen. Der Doctor bestand darauf, daß er das Haus nicht verlassen dürfe, ohne gefrühstückt zu habe»», und Viktor zwang sich in der That, einiges zu genießen.- „So, Sie sind ein braver Knabe," lobte ihn Seebach, „jetzt dürfen Sie aber nicht »nehr säumen, jetzt müssen Sie hinaus." Naschen Schrittes machte Viktor sich auf den Weg, dein Bahnhofe zu. Wie das Herz ihm pochtel

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