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Der Israelit · 1885-06-08 · Heft 45 (8.6.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 45 (8.6.1885)
Date
1885-06-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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741 — war es vor Freude? — Sein bleiches, trübes Angesicht verneinte diese Frage. Und dennoch erwartete er seinen Vater, der ihn so zärtlich liebte. — Wie hatte er sich sonst so herzlich gefreut, wenn er den Besuch des Vaters erwartete, und heute — nein, es war nicht Freude, die sein Herz erbeben machte, es war — er wußte keinen Ausdruck für das Gefühl, das ihn erfüllte seit den Enthüllungen seiner Pflegeeltern, aber es war unendlich drückend — und wie es gährte in seinem Innern, wie es tobte. — Er hatte den Bahnhof erreicht, der Zug war bereits avisirt. Auf dem Perron an einen Pfeiler gelehnt, starrte der bleiche Knabe in die Richtung, aus der die Wagenreihe kommen mußte. Ein lautes, gellendes Pfeifen ertönte, der Knabe fuhr zusammen und mit der Hand nach dem Herzen, aber er eilte nicht den bereits heranrollenden Wagen entgegen, lehnte noch immer, wie der Stütze bedürftig an den Pfeiler. Herr von Königstein hatte ihn jedoch bereits erkannt, winkte dem Schaffner die Thüre zu öffnen und eilte seinen Sohn zu umarmen. „Viktor! mein liebes, liebes Kind!" Aber der Knabe erwiderte die Umarmung des Vaters nicht, sein Auge haftete am Boden. Betroffen gewahrte Herr von Königftein die Veränderung des sonst so heiteren, blühenden Knaben. „Was ist Dir, Kind? — fühlst Du Dich unwohl?" Viktor verneinte durch Kopfschütteln, der Hals war ihm wie zugeschnürt, nicht um die Welt hätte er in diesem Augenblick ein Wort hervorgebracht. Herr von Königstein nahm den Arm seines Sohnes und schritt mit ihm dem Ausgange zu. „Du hast die Maibaums vorgestern besucht?" Viktor neigte bejahend das Haupt, sein Vater preßte die Lippen auf einander. Der Knabe hatte endlich das beängstigende Gefühl tut Halse überwunden. „Ich hatte gewünscht, sie auch gestern zu besuchen," sprach er leise, „aber Herr Dr. Seebbach wollte es nicht zugeben — Du hast es telegraphisch verboten." — „Das habe ich allerdings," entgegnete Herr von Königstein tief aufathmend, „denn so sehr ich die braven Leute schätze; ich habe ernste, zwingende Gründe, die es mir unmöglich machen, Dir den Verkehr mit ihnen zu gestatten." „Ich glaube Deine Gründe zu kennen," sagte Viktor und seine Stimme ward allmählich fester, „aber ich glaube, daß sie bereits nicht mehr stichhaltig sind." „Ich verstehe Dich nicht, Kind, was meinst Du?" „Daß Du mir erlauben könntest, meine Pflegeeltern zu besuchen, weil ich dasjenige, was Du mir bisher verschwiegen hast und vermuthlich auch fernerhin verschweigen möchtest, doch bereits erfahren habe." Abermals preßte Herr von Königstein die Lippen aufeinander. „Komm, liebes Kind, steige hier in diesen Wagen, mein Gepäck will ich jetzt nicht übernehmen, weil wir heute Nachmittag wieder fortfahren. — Zum Institut des Dr. Secbach!" ries er dem Kutscher zu, als er neben seinem Sohne im Wagen saß und seinen Arm um denselben geschlungen, ihn wiederholt fest an sich drückte. Der Wagen rollte rasselnd über das Straßcnpflaster, wodurch die Unterhaltung einigermaßen erschwert wurde. „Ich habe beschlossen, daß wir die projektirte Reise sofort antreten; später dürften es meine Geschäfte schwerlich erlauben; und Du weißt, was ich verspreche, das halte ich." Viktor erwiderte nichts, ein Seufzer hob seine Brust. „Ich hoffe, Herr Dr. Seebach wird nichts dagegen haben, wenn ich Dich gleich heute mitnehme, und Du kannst Dich wohl bis vier Uhr fertig machen." „Ich werde sicher pünktlich fertig sein, aber dürfte ich nicht im Laufe des Nachmittags auf einen Augenblick zu Maibaums gehen?" „Liebes Kind, wo denkst Du hin! Es ist gleich ein Uhr und um vier Uhr müssen wir wieder auf dem Bahnhof sein. Inzwischen mußt Du zu Mittag essen, mußt deine Effekten in Ordnung bringen —" „Ich würde sicher Punkt vier Uhr bereit sein." „Aber wir müssen vor dreiviertel vom Hause fortfahren, es bleibt Dir faktisch nicht eine Minute Zeit." Ein tiefer Seufzer entrang sich des Knaben Brust, eine Thräne füllte sein Auge. Der Vater bemühte sich, seine Gedanken auf die bevorstehende Reise zu lenken, besprach die Reihenfolge, in welcher sie zunächst die Sehenswürdigkeiten der Schweiz besichtigen wollten, und forderte ihn auf, sich mit dem Packen zu beeilen, damit sie den betreffenden Zug nicht versäumen. Der Wagen hielt vor der Wohnung des Dr. Seebach , der den Vater seines Zöglings auf's Herzlichste begrüßte. „Willkommen mein lieber Herr von Königstein, herzlich willkommen!"

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