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Der Israelit · 1885-06-08 · Heft 45 (8.6.1885) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 45 (8.6.1885)
Date
1885-06-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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738 großen Versammlung des „Deutschen Antisemit e n b u n d e s" der Hutmacher Simon May oder, wie sein Pseudonym lautet, „Dr. S. May", einen Vortrag halten, werde über das Thema „Streiflichter aus dem modernen Judenthume oder Wie muß man selbst als Jude Antisemit werden?" Bevor der jüdische Hetzredner, welcher bekanntlich von berühmten Ahnen und unbeschreiblich frommen Eltern aus Breslau stammt, das Wort ergriffen, richtete an ihn der die Versammlung überwachende Polizcilieutenaut die Frage, ob er denn berechtigt sei, den Toktortitel zu führen. May antwortete, daß er Tr. phil. wäre. (Soll wahrscheinlich Philadelphia heißen). Hierauf begann May in schlechtem Deutsch und ohne Zusammenhang, wie man cs eben von einem Menschen, der das Gymnasium bis Tertia besucht hat, nicht anders erwarten kann, zu Hetzen. — Der Jude als Verlanmder seines Glaubens inmitten des erregten antisemitischen Pöbels!! Nachdem er Stöcker warm gegen Prof. Strack, der nichts vom Talmud verstände, vertheidigt, das Kol Nidre „bearbeitet" und betheuert hatte, daß 83 pct. aller jüdischen Eide Meineide wären, ließ er sich folgendermaßen aus. „Das Judcnthum ist gegen das Ehristcnthum nur von Haß erfüllt. Das beweise am besten die Schrift des Lehrers am Nabbincrscminar zu Breslau, Grätz. „Das Ehristcnthum ist nur ein Fetzen des Judenthums. (Pfui-Rufe) und Börne und Heine haben als Convertitcn nur wie echte Kämpfer die äußere Richtung des Feindes und seine Fahnen angenommen, um dem Feinde desto mehr zu schaden" — das sagt Herr Grätz in seinem Buche. Wenn Gelehrte solche Reden führen, was ist dann von den nnwiffenden, gewöhnlichen Juden zu erwarten? Was soll man von dem Gros erwarten, von dem Grätz selbst sagt, daß den Juden im Anfang des 18. Jahrhnnoerts „jedes sittliche Rechts- und Ehrgefühl abhanden gekommen sei, und daß ihnen selbst die Uebervortheilnug des eigenen Genossen als Heldcnthat gelte?" Und jctzt sollcn die Juden zu Engeln geworden sein? (Stürmische Heiterkeit.) Redner richtet dann gegen die angesehensten Persönlichkeiten die ehrenrührigsten Verlemndm gen, scheint aber dabei die Rechnung ohne den Wirth gemacht zu haben. Denn die Redaction der „Volkszeitung" hatte einen Mitarbei. tcr hingcsandt, der die Rede stenographisch aufnahm, die Beleidigungen veröffentlicht hat und sie den Angegriffenen behufs gerichtlicher Verfolgung zur Verfügung stellt. So behauptet May von Herrn Mayer (Berlin), As her Mayer (Prenzlau), Prof. Lo.zarus (Berlin), Buchhändler M o n a s ch (Breslau), Justkzrath Makower, Dr. Straßmann, Ludwig Löwe u. s. w., daß sie oder ihre Verwandten sich von Wucher, Wechselfälschungen und dergleichen ernährten. „Wie weit der Judenfauatismus gegen das Christenthum geht," fährt May wörtlich fort, „kann man auch aus dem Umstane ersehen, daß kein Jude am Christabend oder am Sylvesterabend ein jüdisches Buch in die Haud nehmen, und zwar, weil, wie die Rabbiner sagen, die Seele und der Leib des Stifters der christl. Religion im Fegfcuer sei und so ein Stäubchen davon in das aufgeschlagene jüdische Buch fallen könnte. (Große Bewegung.) May schloß fein blödsinniges Gewäsch mit dem großen Worte: „Nur der echte Mosaismus steht mit dem Staat im Einklang, der Talnmd ist des Staates größter Feind, und darum kann auch ein Jude zum Antisemiten werden." Bn der Debatte erklärte zunächt Herr Teubner: „Was Herr May uns gesagt, weiß jeder Antisemit schon längst. Ich t r a u e keinem Juden!" stStürmischer allseitigcr Beifall.) Als nun ein anderer Herr anfragte, warum May das Judenthum so muthig angrcife und noch nicht um Christenthum übergetreten sei, antwortete May, daß „es seine Absicht wäre, n äch st e n s z u m C h riste n th u m üb erz u t reten". O, möchte wenigstens dieses eine Wort, ausMay's Rede keine Lüge sein, wir wollen ihm auch alle anderen frechen Lügeil gern verzeihen. Das Judenthnm mag Loblieder allstimmen, wenn dieser nicht mehr den Flamen „Jude" trägt. Das edle Brüderpaar Elias Cohn und Nathan Schlesinger hat einen ihrer würdigen Genossen erhalten. Berlin. Der Apothekenbesitzer zu Ujest engagirte jüngst einen jungen Provisor, welcher zu seines Prinzipals Zufriedenheit thätig war, der sich aber die Ungnade der Frau Herzogin von Ujest zuzog, weil er Felix Silbcrstein hieß. Die Frau Herzogin erklärte, daß, so lange der Jude reeiptire, für sie selber nichts aus der Apotheke bezogen werden dürfe, für die Dienerschaft nur im Falle großer Noch, wenn Gefahr im Verzüge. Der junge Mann wird nun, damit sein bisheriger Prinzipal nicht geschädigt werde, eine Stelle in der bayerischen Pfalz antreten. Ans Westphalen. Vor wenigen Tagen ist aus der israelitischen Gemeinde Gelsenkirchen ein Eirklilar an auswärtige israelit. Gemeinden und an einzelne Privatpersonen versandt worden, in welchen! um milde Gaben zur inneren Ausschmückung der daselbst nen erbauten Synagoge gebeten wurde, bitraa TDrb hd halte ich es für Pflicht, darauf aufmerksam zu inache», daß zur inneren Ausschmückung der Synagoge auch die Anschaffung einer Orgel oder mindestens eines Harmoniums gehören soll. Die Verschweigung dieser Thatfache

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