Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1885)
- Date
- 1885-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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736 gelten die Warnungen der beiden Weisen nicht, nun dagcn ist eine Bezeichnung der Willkürherrschaft, die nicht durch Recht und Gesetz gebunden sich fühlt, in der vielmehr die Gewalt das einzige Maßgebende ist. „Sei vorsichtig im Verkehre mit den Gewalthabern." Bekanntlich gingen die Proconsuln, die Verwalter der Provinzen des römischen Reiches, nicht allein darauf ans, so viele Steuern wie nur irgend möglich zu erpressen, sondern auch sich selbst zu bereichern. Tie Vorsteher der Gemeinde mußten daher Sorge tragen, daß diesen Beamten große Geschenke überreicht wurden; zum Lohne dafür durfte man hoffen, daß die Steuerlast für die Gemeinde erleichtert würde. „Seid vorsichtig!" warnt Rabbon Gamliel. Nie werdet ihr die Habsucht jener Geldgierigen befriedigen können. Sie stellen sich freundlich und zuvorkommend, so lange sie für sich große Schätze erwarten; sind aber die Mittel der Gemeinde erschöpft, so kehren sie die Tyrannen heraus, und treten nicht für euch ein, wenn von Rom aus unerschwingliche Steuern verlangt werden. Als das römische Reich gestürzt war, blieben die Verhältnisse dieselben. Das ganze Mittelalter hindurch haben unsere Voreltern in dieser Beziehung die traurigsten Erfahrungen machen müssen. All die großen und kleinen Gewalthaber der Länder, in denen Inden wohnten, betrachteten dieselben nur als Mittel zu ihrer Bereicherung. Man verbot den Inden irgend einen bürgerlichen oder ländlichen Erwerbszweig zu wählen, man gestattete ihnen nur Handels- und Zinsgeschäfte, um große Steuern von ihnen zu erpreßen, und wenn dann die Bolkswnth gegen die Juden ausbrach, so fanden sie in den von ihnen bereicherten Fürsten keine Beschützer. Erst m treuerer Zeit ist eine Besserung der staatlichen Verhältnisse eingctreten. In den civilisirten Staaten ist an die Stelle des rotn, der Willkür- und Gewaltherrschaft, das rmho, eine geordnete Regierung getreten, deren Grundlage das Recht bildet und dererr Kraft in der Herrschaft des Gesetzes besteht. In Bezug auf eine solche Negierung gilt die Vorschrift (Aboth C. 3. § 2.) \hsno ’in nobo bw rvakta „Bete für das Wohl der Obrigkeit." Wir wollen nicht verfehlen, unsere Leser mit einer geistreichen Deutung der in Rede stehenden Mischna bekannt zu machen, welche Rabbi Samuel de Oseda in seinem Buche Midrasch Schmuel anfnhrt; sie gründet sich auf eine andere Erklärung des Wortes nun, das bekanntlich „Erlaubniß" bedeutet. Der Sinn ist demnach folgender: Sei vorsichtig in solchen Dingen, die zu thun du die Erlaubniß hast, die aber keinen andern höheren Zweck haben, sondern den Menschen nur an sich ziehen um ihrer selbst willen; mit andern Worten: sei vorsichtig selbst im Genüsse erlaubter Freuden, beim Essen deiner Lieblingsspeisen beim Trinken des Weines und anderer geistiger Getränke. Wohl mögen diese Freuden als Mittel dienen, den Sabbat und die Festtage und andere festliche Gelegenheiten zu verherrlichen. Wenn sie aber keinen andern Zweck haben als den, dich zu erfreuen und zu ergötzen, so sei vorsichtig und hüte dich vor dem zu großen und zu häufigem Gcnuffe. Die Speisen und Getränke, die dir so gut schmecken, die andern Freuden, die dich so sehr ergötzen, sie scheinen wie Freunde zur Zeit des Genusses; nachher aber mußt du dafür büßen, indem sie deiner Gesundheit schaden und deine kostbare Zeit mit nichtigen Dingen erfüllen. Kömmt dann eine Periode der. Prüfung, der Gefahr, der inner« oder äußern Roth, wie solche dem Menschen nur selten erspart bleiben, so findest du keinen Halt durch jene Nichtigkeiten, denen du zuviel angchangen, und suchst vergebens nach einer Stütze in der Zeit der Trübsal. Deßhalb sei auch in Bezug auf die erlaubten Freuden und Genüffen vorsichtig und zurückhaltend; widme lieber deine Zeit und deine Kraft ernsten und heiligen Dingen, die dir eine Stütze bieten für das ganze Leben. (Fortsetzung folgt.) Gefatschte HepfiMn. 8. Wir sehen uns veranlaßt, das jüdische Publikum vor einem nichtswürdkgen Betrüge, den ein gewissenloses Jndnstrieritterthum augenblicklich in Scene setzt, zu warnen. Es wurden uns nämlich dieser Tage von einem Freunde Tephillin-Gehäuse (dtq) zugesendet, die aus Pergamentpapier angefertigt sind; dieselben werden entweder mit einem dünnen Lederüberzug versehen oder einfach geschwärzt »nd dann als rosa ran n»;ra auf den Markt gebracht. Jeder weiß, daß solche cra nicht einmal den Anspruch auf die Bezeichnung Vids erheben können, daß sie überhaupt gar keine Tephillin find und darum ist dieser Betrug ein noch viel gefährlicherer und raffinirter als der Versuch leere oder mit Papier gefüllte Ledergehäuse an den Mann zu bringen. Denn in letzteren! Falle wird ein einfaches Oeffnen der crra den Betrug ans Licht bringen, während wohl Niemand auf die Idee kommt, den Stoff der Gehäuse einer Untersuchung zu unterwerfen. Ja die Wenigsten werden im