Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1885)
- Date
- 1885-06-04
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Umschlag zu unseren Gunsten nicht ausbleiben konnte. Und er ist erfolgt. Die Waisen der Aschkenasim, von denen im Anfänge auch nicht eine einzige der Anstalt an vertraut wurde, werden jetzt zahlreich von ihren Müttern mit bitteren Tliränen uns gebracht; wir aber müssen sie schmerzlich bewegt vor die Thüre weisen, weil die überwiegende Mehrzahl unserer Brüder im Anslande ihr Herz gegen die Leiden Jerusalems verschliesst. Die trostlose Lage der Waisen Palästinas ist noch zu wenig gewürdigt, die Gefahren, welchen sie und die von gewissenlosen Vätern verlassenen Kinder, die ohne Anhalt und Obdach umherirren, ausgesetzt sind, zu wenig bekannt, sonst würde die Zahl der Glaubensgenossen weit grösser sein, die unsere Hände zu diesem schweren Werke stärken. Auf der einen Seite lauert auf diese hilflosen Kinder die protestantische und katholische Mission, deren Schulen zu uiiseremSchiiierze und zu unserer Beschämung mit jüdischen Zöglingen ungefüllt sind, auf der anderen schreckt die unheilvolle Berührung mit der von Grund aus verderbten eingeborenen Bevölkerung. Nicht ohne Neid können wir aut die christlichen Anstalten blicken, in denen für die eingeborenen christlichen Araber gesorgt wird: das syrische Waisenhaus, in dem 120 Knaben, das Diakonissenhaus, in dem ebensoviel Mädchen erzogen werden, die Palmerschule, die einige sechzig Knaben zu Handwerkern erzieht, u. a. m. Für uns Juden bestehen wenige, von Europa aus gegründete und unterhaltene Anstalten, die ihrer Natur und Organisation nach vornehmlich für sepbardische d. h. spanisch oder arabisch sprechende Kinder berechnet sind. Die Aschkenasim, d. h. die hauptsächlich aus Russland, Polen und Ungarn stammenden Juden deutscher Zunge, die uns als Europäer durch Sprache und Sitte nahe stehen, haben nur unsere mit 13 bis 14 et&tsmässigen Stellen versehene Anstalt. Da für die geringe Anzahl unsrer Kinder ein unverhältnissmässig kostspieliger Schulapparat gehalten werden musste, so sind wir auf den Vorschlag des löblichen Vorstandes, die Wohlthat unseres Unterrichtes auch Tagesschülern (Externen) zu Theil werden zu lassen, gern eingegangen. Die Bevölkerung der heiligen Stadt hat nicht gezögert, den ihr gebotenen Vortheil zu benutzen, obwohl wir bisher die übliche Wohlthat des Mittagessens diesen Schülern nicht gewähren konnten. Die Schule zählt mit unseren Waisen jetzt 30 Schüler, die in drei Klassen unterrichtet werden. Unter den Tagesschülern befinden sich 4 der Aufnahme in die Anstalt sebst höchst bedürftige Waisen, sowie 3 russische Emigrantenkinder. Da es uns obliegt, die. Stelle des Vaters bei den Kindern des Waisenhauses zu vertreten, so ist es nicht nur unsere Aufgabe, die Liebe zur Arbeit den jungen Herzen einzupflanzen, was uns zu unserer Freude vollkommen gelungen ist, sondern auch nach ihrer Individualität und Begabung diejenigen auszuwählen, welche zur Handarbeit reif sind, sowie diejenigen noch in der Schule zurückzuhalten; deren geistige Fähigkeiten grössere Pflege lohnen oder verlangen. Die Wahl eines soliden und gewissenhaften Meisters, der im Stande und gewillt sei, seinen Zögling ernstlich zu fördern und zu überwachen, kommt dabei vor Allem in Frage. Oberflächliche Kenner der hiesigen Verhältnisse glaubten das Elend der hiesigen aschkenasischen Bevölkerung vor Allem aus ihrer Arbeitsscheu h^rleiten zu müssen. Dies ict ein Irrthum. Der Jude ist hier, wie überall, entschieden gewillt, sein Brod durch Arbeit zu verdienen. Nach Luncz’ Jahrbuch von 5040 betrug die Zahl der jüdischen Handwerker im Jahre 1879 504 (304 Aschkenasim und 200 Sephardim); seitdem bat sich ihre Anzahl durch die russische und rumänische Emigration fast - verdoppelt Aber woran es sehr oft fehlt, das ist Gelegenheit zur Arbeit. Auch die aus Deutschland eingewanderten christlichen Meister, die das Beste in ihren Fächern leisten, sind darauf angewiesen, sich diesen oder jenen Nebenverdienst zu schaden. Andererseits sind unter den zahlreichen jüdischen Handwerkern nicht gar viele, welche nach europäischen Begriffen den Namen eines Meisters verdienen'. Wir halten uns an die altbewährte deutsche Sitte, die für industrielose Länder ohne Zweifel die Norm abzugeben hat. Der Lehrling soll sich langsam, aber sicher unter strenger Aufsicht zum Meister emporarbeiten. Auch haben wir die Genugthunng, dass mehrere Eltern von Tagesschülem uns gebeten haben, ihre Kinder gleichfalls bei Handwerkern unterzubringen, indem wir sie nach der bei uns eingeführten Methode die ersten Tagesstunden noch in der Schule Theil nehmen lassen.