Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (18.5.1885)
- Date
- 1885-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449541--22193-2511856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
651 nicht einen Blick mehr auf die soeben abgcstreiften Ketten, auf die soeben verlassenen Ghettl's, wo sie so lange eingepfercht leben mußten, werfen, suchte in stürmischer Hast nur fort, — vorwärts zu kommen, suchte die Vergangenheit anszulöschen, zu tilgen, als ob es eine Schmach wäre zu den alten Juden zu gehören, die einst geknechtet waren, als ob dieser äußere und gewiß unverdiente, wenigstens aber ungerechtfertigte Druck uns geschändet hätte. Man wähnte, durch das neue Kleid, das man dem Judenthum der Neuzeit angezogen, aufgezwnngen, würde man die Vcrwandtschast mit dem alten unkenntlich machen. Die Thoren! Als ob die übrige Welt die vergangene Geschichte vergessen würde, als ob die Welt nicht recht gilt wüßte, die lnoderuen Juden, die ihr Judenthum verachten, ihr Gesetz verleugnen, seien Brüder jener altgläubigen, seien die Kinder jener alten Juden! Genützt hat diesen modernen Juden diese Modernisirnug, dieser Fortschritt vom Jndenthume gar nichts, und uns, die wir auch nach der erlangten Freiheit die Vergangenheit nicht vergaßen, sondern auf ihr unsere Zukunft aufznbancn suchten, uns hat das nichts geschadet. Man kann heute, nachdem mehr als ein halbes Jahrhundert dieser Fortschritt vom Jndenthume dauert, ohne als befangen und vornrtheilsvotl zu gcltcil, mit voller Berechtigung sagen, daß dieser Fortschritt sich als ein Rückschritt erweist, wenn auch, vorläufig nur als ein Stillstand sich zeigend, während das wahre, echte Judenthum von Tag zu Tag mehr erstarkt und selbst bei der übrigen Welt an Achtung gewinnt. Wir habcll eben nicht vergessen, daß am Offenbarnngsfefte 11110 die Mahnung zugcht: „Gedenke, daß Du einst Sclave warst im Laude Mizrajim, damit Du beobachtest und übest alle diese Satzungen." In dieser Erinnerung wollen wir auch ferner unser Fest der Gesetzgebung feiern, vorwärtsschreiten, indem wir den Blick auf unsere vergangene Geschichte richten. Und wir werden dann fort sch reiten, wie cs seit Jahrtausenden geschehen! — Zcitnttgsnachrichtcn und Correspondenze». Deutschland. Berlin, 12. Mai. Das „Kol Nid re" scheint unter den Berliner Antisemiten keine Ruhe finden zu sollen. Herr Stöcker hat sich damit nicht begnügt, sich vonLerrn Prof. Strack schriftlich bescheinigen zu lasten, daß er eine Unwahrheit gesagt, sondern hat cs für möglich befunden, die infame Lüge vom „Mangel an wahrer Religion unter den Juden" zu wiederholen und von seinem Gewährsmanne, dem „jüdischen Talmudiften", dem „ehrlichen Mann" wiederholen zn lassen. Die Sache hat hier deshalb allgemeines Aufsehen erregt, weil Berlin zum ersten Male das seltsame Schauspiel erlebte einen Juden Hand in Hand mit Stöcker als Ankläger seines Glaubens auftreten zu sehen. Wir folgen in unserem Referate dem spaltenlangen Berichte der „Kreuzzeitung". Nachdem Herr Stöcker „den bekannten Taugenichtsen der Judeupreffe, die wieder über ihn hergcfallcn wären", eine Visite abgestattct, wendete er sich in ebenso langer wie nichtssagender Rede gegen Prof. Strack, auf dessen Bcweisführnng er auch nicht ein Wort zu erwiedern vermochte. Höchst bemitleidenstverth war der Hofprediger, als er seine beifaltsjohlenden „Zuhörer" mit den Worten tröstete: „Uebrigens hat Professor Strack, gegen mich nichts sagen wollen (!); er ist ein Gesinnungsgenosse von uns in politischer und religiöser Beziehung "Wir haben darauf nur zu erwidern, daß Prof. Strack viel zu anständig ist, um Antisemit zu sein, um jener Gesellschaft anzugehörcn, die mit der Brandfa .. \ ln den Händen den Naccnhaß predigt und die Gesetze der Gesetzlosigkeit verkündet! „Ich kann den Juden nur rathcn", so schloß Herr Stöcker seine Rede, „das Gebet, so bald wie möglich abznschasfen. Prof. Strack meint es ganz gut; er will diese Anstöße beseitigen. Das kann ihm aber nicht gelingen; denn der gelehrte Talmudist, auf den ich mich'berufen habe, hat so viel Material herbekgeschafft, welches die Verwerflichkeit jener Gebctsformel beweist, und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln." Nunmehr trat unter allgemeiner Spannung der „gelehrte Talmudist, Dr. May, — wie die „Kreuzzeitung" hinzufügt, „ein Jude" — auf. War die Rede Stöckers der Ausfluß grenzenloser Vermessenheit, sich um unsere Glaubensangelegcnheiten zu kümmern, so muß die Rede des Dr. May als Brandrede in des Wortes verwegendster Bedeutung bezeichnet werden. Nur einige Sätze wollen wir als Äusterprobe aus diesem widerlichen Gewäsch citiren. „Es ist Moses nicht eingefallen, solche unsittlichen Bcstimmnngcn wie das „Kol Nidre" zu treffen. Die Rabbiner stellen aber immer mehr den Talmud über die Bibel. Kürzlich hat der Rabbiner Dr. Hirsch in Frankfurt a. M. aus Anregung jüd. Genossenschaften eine Broschüre über das Verhältnis; des Talmuds zum Judenthum erscheinen lasten. In diesem gewissermaßen offiziellen Schriftstücke heißt es: „Das einzige welthistorische Judenthum ist das talmudische. Der Talmud ist die einzige Quelle, ans der das Judenthum geflossen ist, der Grund, auf welchem cs besteht, die Lebensseele, welche es gestaltet und erhält." Ferner gilt ein Büchlein noch heute in den Berliner jüd. Schulen als Kate-