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Der Israelit · 1885-05-18 · Heft 39-40 (18.5.1885) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 39-40 (18.5.1885)
Date
1885-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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650 zu vermeiden, leicht auf andere Hindernisse stoßen und sich schließlich vollständig den sogen. Zufällen überlaffen und Ziel und Richtung verfehlen. Daher kommt es auch, daß in Wirklichkeit so viele Menschen, die da glauben, wie vernünftig sie handeln, wenn sie nur immer vorwärts streben, ohne auf das rückwärts Liegende zu achten, schließlich allen Halt verlieren, nicht mehr wißen, wo eigentlich das Vorwärts liegt und, wähnend, immer fortznschreitcn, sich nur im Kreise bewegen, ans dem sie sich nicht mehr heraussinden. Welche Zukunft wir haben, können wir freilich nicht wiffen, aber wir können die Zukunft uns gestalten, wenn wir wissen, was wir sind und was wir waren. Israel war eine hohe Stellung im Leben angewiesen, aber cs sollte sie sich selbst auch erringen, erhalten, indem es sich immer vergegenwärtigte, wie tief cs einst stand. Es ist nichts schlimmer, als Selbstgenügsamkeit, als die volle Zufriedenheit mit dem jetzigen Zustande. Im gewöhnlichen als hohe Tugenden angesehen, weil sie glücklich machen, sind sie wiederum in Bezug auf unsere geistigen Errungenschaften das gerade Gegeuthcil. Wer hätte stolzer und zufriedener sein können, als das Volk Israel, das in einem Zeiträume von sieben Wochen eine so stauncuswerthe großartige llmwandlnng durchmachte, zu der ein Jahrhundert nicht zu viel gewesen wäre! Ein Sclavcnvolk, das Jahrhunderte lang geknechtet war, und nach sieben Wochen rft-DD Lp, mit dem Gott einen Bund schloß auf ewige Zeiten, dem Gott sein Gesetz gab, welches so vielseitig ist und so Schweres fordert! In wenigen Tagen hatte das Volk die höchste Spitze erreicht, war über alle Völker der Erde hinauf zu einer geistigen Höhe und Größe gelangt, die heute noch die Bewunderung und das Staunen aller denkenden, vorurtheilslosen, unparteiischen Menschen erregt. Und trotz aller Verirrungen, auch der der Neuzeit, hat es sich als Gvttcsvolk auch der Höhe erhalten. Denn tief unter sich, weit zurück sah es sich als Sclave in Egypten; sah aber auch, wie und lvodurch cs sich bis zur Höhe hinaufgcschwuugen, es erkannte die Mittel und hat sich ihrer zu allen Zeiten bedient, dadurch, daß es beobachtete und übte Gottes Satzungen. Die Zukunft ergibt sich von selbst aus der Vergangenheit. Unsere Zukunft, so trüb auch die Gegenwart für das Judenthum sein mag, ist doch nicht zweifelhaft. Wer, wie wir, immer seinen Blick auf die Vergangenheit zurückwendet, wer sich aus unsere Geschichte Raths erholt, dem bangt nicht vor der ungewissen Zukunft. . Wir haben es erprobt, daß die Beobachtung und Ausübung unserer göttlichen Satzungen unsere Zukunft gestaltet und sichert und suchen daher in der Gegenwart gleichfalls unfern Fortschritt für die Zukunft uns anzubahnen. Unsere Zeit fußt aber nur auf der Gegenwart, strebt der idealen Zukunft zu, die sie sich, je nach der geringeren oder größeren Phantasie, die Jemand besitzt, so schön als möglich ansmalt. Ob sich die Lustschlösser verwirklichen, ist ungewiß. Sie baut sich dieselben wohl auf, und wenn sic auch unter der Hand Zusammenstürzen, so versucht sie cs auf andere Weise. Tie Gegenwart will nichts wissen von einer Unterordnung des Geistes, sie will nur Freiheit, weiteste Freiheit nach allen Richtungen. Auch wir wollen Freiheit,' die Freiheit von Geistesnacht und Geistcsfessel, von Wahn und Aberglauben; wir wollen die höchste Wahrheit für uns und haben darum Kampf, unerbittlichen Kampf der — U u w i s s e u h e i t, dieser schlimmsten Feindin aller wahren Freiheit, geschworen. Wer aber nur durch die Zukunft sich die Freiheit zu verschaffen sucht und dabei die Vergangenheit unberücksichtigt läßt, der handelt wie ein Unwissender, ist ein Feind der Freiheit. Denn er weiß nicht, was Knechtschaft war, wie der Weg von dieser zur Freiheit geführt, der erblickt in seinen Phantasiegebilden die Freiheit nach seinem Ideal und nicht, wie sie in Wirklichkeit ist. Wenn je ein Volk hohen Idealen zugestrebt, so ist es das jüdische. Die Gottheit zu erfassen, die Menschcuaufgabe zu erfüllen, die oberste Aufgabe sich zu eigen zu machen, das sind und bleiben die höchsten Ideale des Menschen, das sind und waren die Ideale des Judenthums. Aber es suchte nicht durch die Zukunft und in ihr sie sich zu erwerben, sondern auf dem Boden der Wirklichkeit, durch die Vergangenheit sich belehren lassend, aus ihr immer schöpfend. Von Peßach bis Schabnoth, von der Befreiung aus harter Knechtschaft bis zur Offenbarung, zählen wir, wenn auch immer vorwärts schreitend, doch anfangend von dieser Befreiung die Zeit bis zur Offenbarung Tag für Tag, so uns immer der Vergangenheit erinnernd. In der Zerstreuung haben wir bis in die neuere Zeit wenig von Freiheit verspürt. Ueberall hat man uns fühlen lassen, daß wir Fremde sind, hat uns den Stempel der Knechtschaft aufgedrückt. Unser Jahrhundert erst sing an, langsam und vereinzelt zwar, doch stetig die Fesseln zu lockern und zu lösen. Aber ein großer Theil unserer Brüder wollte nun

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