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Der Israelit · 1885-05-18 · Heft 39-40 (18.5.1885) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 39-40 (18.5.1885)
Date
1885-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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649 ZUM Keste der HeseHgcvung. Von Dr. H. Sänger. Es ist auffallend, daß der Tag der Gesetzgebung in der heiligen Schrift nicht besonders erwähnt und hcrvorgehobcn wird und selbst das Fest, das wir an diesem Tage feiern, nicht mit dem Namen min;no er, sondern als niyfctrn .»n und cv smrzn bezeichnet wird. Man sollte doch glauben, daß die Offenbarung, das Merkwürdigste und Bedeutungsvollste, was sich je in der Geschichte ereignet, obenan gestellt sein sollte. Doch auch hier, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, zeigt sich wiederum so recht klar und deutlich die einfache Erhabenheit und Größe, die sich in der ganzen Bibel überall documentirt, zeigt sich die anspruchslose, nur auf ihren inneren Gehalt Gewicht und Werth legende Gotteslehre. Nicht der Akt der Offenbarung, so erschütternd und überzeugend er damals auf das am Fuße des Sinai versammelte Volk Israel auch gewirkt hat, so bedeutungsvoll er auch für das ganze Menschengeschlecht geworden und bis auf uns herab mit seinen Donnerworten alle Stimmen übertönt, mit seinen Flammenstrahlen alles Dunkel erhellt; nicht der Akt der Offenbarung wegen seiuerAußcrordentlichkeit wird in den Vordergrund gestellt, denn selbst das Außergewöhnliche wird im Laufe der Zeiten abgeschwächt. Es wäre vielleicht für unser Volk eine schöne Erinnerung gewesen und Israel wäre vielleicht stolz geworden auf dieAuszcichnung, die ihm geworden. Sondern anknüpfend au die Befreiung aus Egypten sollen wir sieben Wochen zählen und dann cinWochenfest feiern dem Ewigen, uns an ihm freuen vor dem Ewigen rviryi metrs enaEp«:: rrmzy mrti rüNn D'pnn n« „und Du sollst Dich erinnern, daß Du Sclavc gewesen im Lande Mizrajim und beobachte und übe alle diese Satzungen." Merkwürdig ist es, daß bei der Vorschrift des Peßachfestes eine gerade entgegengesetzte Aufforderung an uns ergeht. Denn es heißt: .-p*n -Q' y-.dM Li' n»sJ ipc1? Am Peßach sollen wir die Befreiung aus der Sclaverci eingedenk sein, am Wochenfefte uns au unsere einstige Knechtung erinnern. Unsere Feste sollen nicht blos der Freude und dem Vergnügen gewidmet sein, sondern eine Feier wichtiger Momente, der Erinnerung bedeutungsvoller Abschnitte unserer Geschichte geweiht, damit wir die Lehren, die sie uns bieten, uns zu Nutze machen und der Zweck, der damit beabsichtigt, auch erfüllt werde. Das riizML'-Fest soll nur eine Erinnerungsfeier der Sklaverei in Egypten sein, soll den Zweck haben, durch diese Erinnerung uns zur Beobachtung und Ausübung der Satzungen anzuhalten. „Erinnere Dich, daß Du Sclave warst im Lande Egypten!" Diese Erinnerung an die einst untergeordnete Stellung, an die tiefe Stufe, und die Vergegenwärtigung der damaligen traurigen Lage und ein Vergleich mit der jetzigen könnte in erster Linie ein stolzes Gefühl in uns erwecken, das, falsch angewendet, zu einer Selbstüberschätzung und Ueberhcbnng führen könnte. Die Erinnerung au die Vergangenheit hätte dann ihren Zweck verfehlt, hätte nur nachtheilig gewirkt. Sie kann aber auch, in dem frohen Bewußtsein, aus der Niedrigkeit zur hohen Stufe, zur Größe und zu Ansehen gelangt zu fein, einen Sporn für nnsbilden, uns ferner würdig zu zeigen, eine so hohe, hervorragende Stellung einzuuehmen. Wenn also die Erinnerung fruchtbringend für uns sein soll, dann dürfen wir nicht den Vergleich machen zwischen Einst und Jetzt, sondern nur immer der f r ü Here n Zeit eingedenk sein, dürfen wir uns nur erinnern, daß wir Sclaven waren in Egypten. Die Betrachtung der jetzigen Lage ergibt sich dann von selbst. Die Frage, ob wir vorwärts oder rückwärts schauen sollen ans unserem Lebenswege, sie würde von den meisten Menschen dahin beantwortet werden, daß wir vorwärts unsere Blicke richten sollen. Unsere Zeit, die den Fortschritt auf ihre Fahne geschrieben, sie kennt mir das Vorwärts, will vom rückwärts Liegenden nichts mehr wissen. Wir gcsetzestrene oder auch alte Inden, die wir auch gerne vorwärts streben, immer mehr zu lernen, als Lebensaufgabe erkennen, nach dem bewährten Grundsätze unserer Weisen : „Wer nichts dazu lernt, nimmt ab", wir wissen nicht so sicher, ob das Judcnthum, das doch Lernen und Fortschreiten in der Erkeimtniß und Wahrheit als höchstes Ziel sich gesetzt, das den Unwissenheit so strenge verpönt, sie gleichsam an den Pranger stellt, so unbedingt, wie es unsere Zeit thut, wie die meisten Menschen von jeher es gethan haben, bejahen würde. Ja, wenn wir ein klares, bestimmt erkennbares Ziel vor Augen hätten, dann wäre allerdings die Antwort sehr einfach; aber, wenn man nicht weiß, wo cs liegt, wie man es erreichen kann, wenn man sich erst einen Weg bahnen soll, da muß man vor Allem den Ausgangspunkt im Auge behalten, denn cs könnte leicht geschehen, daß sich Hindernisse in den Weg stellen, die inan gewöhnlich lieber umgeht, als beseitigt, könnte bei dieser Art die Schwierigkeiten

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