Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (18.5.1885)
- Date
- 1885-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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648 Bösen und die Guten." Das Schauen Gottes ist ein anderes als das Schauen der Menschen, „denn der Mensch sieht nur die äußere Gestalt der Dinge, Gott aber schaut in's Herz." (1. B. Sam. C. 16. V. 7). Der Mensch bedarf des Lichtes, um zu sehen, aber von Gott heißt es (Pf. 139. V. 12): „Finsterniß verdunkelt nicht vor Dir. Nacht leuchtet gleich dem Tage, und hell und dunkel ist Dir gleich." Der Mensch ermüdet im Sehen und muß häufig die Augen schließen; der allmächtige Gott aber schaut ununterbrochen alle seine Geschöpfe; des Menschen Auge trägt nicht weit, Gott aber durchschaut die ganze Welt; des Menschen Auge trügt oft und läßt ihn die Dinge anders schauen als sie sind; Gottes Auge ist untrüglich und sieht Allem auf den Grund. Ein hörendes Ohr, welches selbst das leise Geflüster des Betenden vernimmt, wie die heimlich verabredeten Pläne der Lösewichtcr und auch den Schmerzenslaut, den bangen Seufzer der Unterdrückte» und Verfolgten. Und alle deine Thaten werden in ein Buch eingeschrieben. Vor Gott gibt es kein Vergessen. Was auch der Mensch thun mag, sei es Gutes oder Böses, es wird verzeichnet vor dem Throne des Allmächtigen. Alle diese Ausdrücke: Auge, Ohr, Blich sind nur gleichnißweise zu nehmen; sie sollen, nur audeuten, daß der Allgegenwart Gottes nichts verhohlen bleibt, und daß von Seiner Allwissenheit nichts vergessen wird. Die Thora, die schriftliche wie die mündliche Lehre, gleicht einem unerschöpflichen Quell, aus der wir unablässig uns erquicken, und den wir nie ansschöpfen können; sie gleicht der strahlenden Sonne, die mit ihrem reinen Lichte verschiedene Gegenstände in verschiedenartiger Weise beleuchtet, und so können wir den Ausspruch Rabbis noch in ganz anderer Weise erklären. Rabbi empfiehlt uns den rechten Weg zu wählen und gibt uns dafür den bestimmenden Grundsatz an. Aber die rechte Wahl ist durch drei Erwägungen gefährdet. Es ist die Gefahr vorhanden, daß man unr das Große wähle und das Kleine gering schätze; deßhalb fügt Rabbi die Mahnung an: Sei achtsam auf eine leichte Mizwah wie auf eine schwere. — Eine andere Gefahr ist, daß man bei der Wahl nicht richtig schätze und das Vergängliche dem Ewigen vorziehe; deßhalb mahnt Rabbi: Wäge wohl ab und berechene das Wesen und die Folgen dessen, was Du thust. — Die größte Gefahr ist aber die, daß der Mensch bei der Wahl seines Lebensweges der eigenen Vernunft mehr vertraue als der geoffenbarten Wahrheit. Seitdem Menschen auf Erden leben, haben die Weisen aller Nationen den rechten Weg gesucht und ihn nicht gefunden; ihre Lehren wiedersprechen aneinander. Was der Eine gut Nennt, erscheint dem Andern schlecht, was der Eine als Wahrheit verkündet, ist dem Andern nichts als Lüge. Woher kömmt das? Weil des Menschen Auge nicht weit reicht und sein Verständniß nur ein geringes, beschränktes ist. Wenn der Mensch sich auf die Ergebnisse seines eigenen Nachdenkens verläßt, so ist er unrettbar dem Jrrthume und damit der Sünde verfallen. Nur die göttliche Offenbarung, nur die von der allerhöchsten Weisheit aus vorgeschricbene Gotteslehre vermag den rechten Weg uns vorzuzeichnen. Daher warnt Rabbi vor selbstgemachten Theorien -. Betrachte drei Dinge, und Du wirst nicht in die Hände der Sünde fallen. Erkenne, was höher ist als Du: Ein sehendes Auge, dem dein Auge nicht vergleichbar; ein hörendes Ohr, das alle Weisheit in sich ausgenommen, und daß alle deine Thaten, die du thun sollst, in dem Buche, das heißt, in dem Buche der Gotteslehre bereits vorgezeichnet sind. — Es bleibt uns nun noch zu erörtern, warum Rabbi gerade diese drei Dinge hervorhebt. Was den Menschen zum Menschen macht, das sind: Gedanken, Worte und Thaten. Kein anderes Geschöpf vermag zu denke», kein anderes Geschöpf kann feinen Gedanke» durch Worte Ausdruck verleihen, kein anderes Geschöpf vermag seine Gedanken und Worte zu Thaten zu gestalten. Deßhalb trägt aber auch der Mensch die Verantwortlichkeit für die gute Verwendung der erhabenen Gescheute, die ihm Gott verliehen. Hüte deine Gedanken, daß sie rein und gut bleiben, denn Gottes Auge schaut tu die innersten Falten deines Herzens. Bewahre deine Worte, daß sie wahr und lauter seien, denn Gottes Ohr vernimmt Alles, was du sprichst; gestalte deine Thaten so, daß sie die Prüfung bestehen können, daß du nicht zu wünschen brauchest, sie seien besser unterblieben, denn alle deine Thaten werden unvergessen bleiben. Sei rein in deinen Gedanken, sei wahr in deinem Reden, sei vollkommen in deinen Thaten; dann wird des allgütigen Vaters Auge gnädig auf dich herniederschauen, dann wird des Attbarmhcrzigen Ohr deines Herzens Flehen vernehmen, und der ewige Gott wird nimmer vergessen all das Gute, was du auf Erden vollbracht, und dich dereinst genießen lassen die Frucht deiner Thaten. (Fortsetzung folgt.)