Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 38 (14.5.1885)
- Date
- 1885-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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636 Keretlet. Eine Erzählung von Friedrich Rort. WS:) Cff?) Vierzehntes Kapitel. Anderthalb Jahre waren verstrichen, seit Viktor im Hause seines Vaters lebte. Es war in den Nachmittagsstunden, Herr von Königslein befand sich in seinem Arbeitszunmer. Die wichtigsten Geschäfte des Tages waren erledigt, er schien eben im Begriffe, sich zum Ausgehen zu rüsten, als er mit der Hand über die Stirn fuhr. „Beinahe hätte ich vergessen, daß ich dem Weber schon gestern versprochen habe, ihn zu sprechen. — Er ist ein tüchtiger Mensch, aber seine ewige Klagen können auch langweilig werden. — Daß Viktor noch kein strenggläubiger Katholik ist — ja Du lieber Himmel, wer kann dafür? — Am allermeisten noch sein Lehrer, der es nicht versteht, das Evangelium so zu predigen, das; cs dem Kinde cinleuchtet. — Na, mein Versprechen muß ich halten." Er drückte an den Schcllenknopf, gleich darauf erschien ein Diener. „Sagen Sie Herrn Weber, wenn es ihm gefällig wäre, könnte er jetzt kommen." Der Diener entfernte sich, Herr von Königstcin ließ sich wieder in den Sessel vor dem Schreibtisch nieder und blickte träumerisch zu dem schönen Frauenbild, das über demselben hing, empor. Ein leichtes Klopfen an der Thür, und auf das einladende Herein des Hausherrn trat ein junger Mann in das Zimmer. „Herr von Königstein haben befohlen —" „Nicht doch, mein lieber Herr Weber, ich habe mich nur erinnert, daß Sie mich gestern um eine Unterredung ersucht. Gestern war es mir jedoch absolut unmöglich, nach sechswöchcntlicher Abwesenheit hat sich mir Alles gehäuft. Doch augenblicklich habe ich ein Viertestündchcn übrig, und wenn es Ihnen gefällig ist —" er deutete mit einladender Handbewegung auf einen Sessel in seiner Nähe. Der junge Mann trat schüchtern näher. „Setzen Sie sich, Herr Weber, und sagen Sie mir, was Sie wünschen." Mit einer gewissen Verlegenheit entsprach der junge Mann der ihm wiederholt gewordenen Aufforderung und ließ sich auf den Rand des Sessels nieder. „Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich belästige, — ich halte mich jedoch verpflichtet —" Er stockte. „Ich kenne Ihren Pflichteifer," fiel Herr von Königstein freundlich ein, „und ich weiß, daß mein Kind in den besten Händen ist." Der junge Mann zuckte die Achseln. „Ich würde diese Behauptung nicht wagen. — Es sind jetzt anderthalb Jahre, seit Sie die Erziehung Ihres Söhnchens mir anvertrant. Ich habe diese Aufgabe — Gott ist mein Zeuge, mit aufrichtiger Freude übernommen, denn des reinsten Strebens bin ich mir bewußt und ich hätte mich glücklich geschätzt, wäre es mir gelungen, die Lehren unseres Glaubens dem Herzen des holden .Knaben einznprägen. Allein —" „Sie dürfen die Geduld nicht verlieren, mein lieber Herr Weber, Viktor ist noch nicht sieben Jahre alt." „Und trotz seiner Jugend vom Gifte desSkepticismns so durchdrungen —" „Sie vergessen, daß er das Unglück hatte, mehr als vier Jahre in einer israelitschen Familie erzogen zu werden." „Es wäre seltsam, wenn ich das vergessen könnte," entgegnetc Herr Weber mit trübem Lächeln. „Tann müßte es mir doch zuvor gelungen sein, die Irrlehren dieser Ketzer in dem kindlichen Gemüthe auszumerzen." „In welcher Beziehung haben Sie denn eigentlich über ihn zu klagen?" „In welcher Beziehung? Herr Weber wandte seufzend die Augen himmelwärts. „Da ließe sich viel berichten. So z. B. gestern Abend. — Ich betrachte cs selbstverständlich als Pflicht, dafür zu sorgen, daß das Kind seine Andacht verrichtet und nach meiner Ueberzeugung wirkt in dieser Beziehung nichts besser als das Beispiel des Erziehers; ich pflege daher gleichzeitig mit ihm mein Gebet zu verrichten. Nun, gestern Abend, der Kleine sollte zu Bette gehen und kniete neben mir, während ich den Abcndscgen sprach. Auf einmal — ich glaubte der Schlag müsse mich treffen — denn ich vernahm mir fremd klingende Laute und als ich seitwärts blickte, gewahrte ich den Kleinen mit festgeschlossenen Augen, und seine Lippen flüsterten Schm'a Jisroel — wie es weiter geht, weiß ich nicht, aber ich glaube, es ist das ein hebräisches Gebet."