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Der Israelit · 1885-05-14 · Heft 38 (14.5.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 38 (14.5.1885)
Date
1885-05-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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637 „Das ist allerdings stark," sagte Herr von Königstein. „Das ist entsetzlich!" sprach Herr Weber mit leiser, bebender Stimme. — „War das doch neulich ein Skandal, als er in die Küche gekommen war und der Koch gerade einem Täubchen den Hals umgedrcht hatte — Herr von Königstein waren verreist, aber der Knabe hat einen Lärm gemacht! — hat geschrieen, daß ich gefürchtet habe, die Nachbarn würden zusammen laufen, hat den armen Kerl, den Koch geschlagen, gestoßen, getreten, — es war fürchterlich. — Dann hat er wollen, der Koch soll ihm zeigen, in welchem Gefäß er das Fleisch in Wasser legt und auf welchem Brett er es salzt. Und weil kein Mensch gewußt hat, was er will, hat er immer ärger geschrien und gezetert. Sein Papa hätte befohlen, alles Fleisch müßte in Wasser gelegt und gesalzen werden, und sein Papa werde alle miteinander fortjagen. — Und seitdem ist gar nicht mehr mit ihm fertig zu werden, bei der geringsten Veranlassung schreit er, schlägt um sich wie ein Wüthender. Und als ich ihm neulich ernste Vorstellungen machte, ihm zu bedenken gab, wie sehr er sich durch ein derartiges Benehmen versündige, da schmeichelte ich mir allerdings, einen gewipen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, denn ohne meine Aufforderung eilte er zu dem alten Jean, den er geschlagen hatte, und bat ihn um Entschuldigung. Aber gleich darauf wandte er sich zu mir und sagte in klagendem Ton: Daß ich so bös bin, das kommt nur daher, weil die bösen Menschen das Fleisch nicht in Wasser und in Salz liegen lassen. Da habe ich so viel Blut mitgegcssen und bin davon so böse geworden, daß ich gar nicht wieder gut werden kann. — Und das läßt er sich nicht ausrcden, durchaus nicht." Herr von Königstein rieb sich die Stirn. „Ich weiß in der That nicht, was da zu thun ist — indessen, ich will mit dem Kinde reden — sein Herz ist weich und gut —" „Das ist es," stimmte Herr Weber bei, „sein Herz ist wie Gold — er kann keinen Menschen leiden sehen, ohne zu versuchen, ihm zu helfen. Und darum auch, die Dienerschaft, obgleich sie zuweilen wirklich von ihm zu leiden haben, es zürnt ihm Keiner, ein Jeder ginge für ihn durch's Feuer. — Aber sein Glaube — sein Glaube — oder besser gesagt sein Unglaube. — Ich gebe mir die größte Mühe. Kinder hören doch bekanntlich gern Geschichten. — Nun, ohne mich dessen rühmen zu wollen — ich bin kein schlechter Erzähler. Stundenlang hängt der Kleine an meinen Lippen, wenn ich ihm aus der Jliade, aus der Odysee oder Aehnliches erzähle. Wenn ich aber eine religiöse Legende beginne, da läuft er entweder sogleich davon, oder er stellt Fragen, wie solche nur der leibhaftige Antichrist eingeben kann." Herr von Königstein zuckte die Achseln und wieder blickte er hinauf zu dem Bilde seiner verstorbenen Frau, ein halbuutcrdrückter Seufzer entrang sich seinen Lippen. „Haben Sie Geduld mit dem Kinde, ich bitte dringend darum. — Mit der Zeit werden Sie sicher das Ziel erreichen, das Ihr Glaubenseifer sich gesteckt." „Ich zweifle — zweifle ganz entschieden — und so beschämend es für mich sein mag, ich gestehe offen, ich bin dem Kinde nicht gewachsen — und —" fügte er zögernd hinzu, ich möchte daher ersuchen, mich gefälligst zu entlassen." „Was?" rief Herr von Königstein, „Sie wollten fort V -- Das kann Ihr Ernst nicht sein." „Es muß mein Ernst sein," erwiderte der junge Mann seufzend. „Denn ich vermag der mir gestellten Aufgabe nicht zu entsprechen." „Sie beurthcilen sich selbst zu streng und daher auch Ihren Schüler. Bedenken Sie, ein Kind, von nicht sieben Jahren, das seit kaum anderthalb Jahren sich Ihres Unterrichtes erfreut — was können Sie da eigentlich verlangen? —" Weber zuckte die Achseln, erwiderte jedoch nichts. „Ich hoffe, Sie überlegen sich die Sache und nehmen Ihr unfreundliches Wort zurück." „Ich bedauere aufrichtig — so sehr ich mich geehrt fühle — aber —" „Kein Aber, lieber Freund — ich weiß Ihre Leistungen zu schätzen und werde Ihr Gehalt erhöhen." „Bitte, bitte! — Herr von Königstein werden doch nicht glauben, daß ich mit meiner Kündigung derartiges erzielen wollte —" „Das glaube ich durchaus nicht, ich wünschte Ihnen jedoch meine Zufriedenheit mit Ihren Leistungen thatsächlich auszudrücken." „Ich fühle mich außerordentlich geehrt. Indessen, obgleich ich mit meinen Leistungen als Lehrer allerdings auch nicht unzufrieden bin, mit meinen Leistungen als Erzieher bin ich es in einem solchen Grade, daß mein Gewissen mir verbietet, auf einem Posten zu verharren, dein ich zu meinem aufrichtigen Schmerze mich nicht gewachsen fühle." Herr von Königstein runzelte die Stirn. „Wenn Sie denn durchaus nicht bleiben wollen, so kann ich Sie freilich nicht halten und werde mich daher nach einem andern Hofmeister nmsehcn. — Doch ich hoffe, Sie werden mich nicht in Verlegen-

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