Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1885)
- Date
- 1885-05-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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treu gewordene war der Sohn des ehemaligen Rabbiners in Zabern; auch ein Bruder von ihm hat sich ebenfalls in jener Zeit die drei Tropfen geben lassen. Beide waren Studirende und ledig, daher stimmt die Identität mit jenem in Mainz lebenden Bal-Tschuba nicht. Ter jetzige hochgeachtete Grand-Rabbin Liebcrmaun in Nancy ist ein Bruder der genannten; derselbe hat jegliche Annäherung mit den Abtrünnigen immer gemieden. Pater Liebermann, der 1852 im Rufe der Heiligkeit starb, soll unter gräßlichen Leiden geendet haben. Vom Rhein. Tie Behauptung Stöckers, daß der Talmud uns Juden den Meineid gestattet, ist zwar nichts Neues. So lauge es Judenfeinde gibt, ist auch diese Lüge geradeso wie das Märchen vom erforderlichen Menschenblule zum Peßachfefte immer wieder aufgetischt worden. Derartige Lügen dienen ja nur zur Erreichung gewisser bösen Absichten, werden aber nicht geglaubt. Wie ich aber in diesen Blättern erst in jüngster Zeit nachgewiesen habe, daß wir verschiedene geplante judenfeindliche Maßnahmen vorwiegend den ungesetzlichen Bestrebungen und dem nichtjüdischen Leben der Neuzeit zu verdanken haben dürften, ebenso verhält es sich mit dieser Anschuldigung. Um sic zu widerlegen, ihr die Spitze abzubrechen, hat die Reform geglaubt, den Kol-Nidre abschaffen zu müssen. Wie aber bekanntlich auch das „muthige Zurückweichen" nichts weniger als einen Sieg bedeutet, so hat auch diese Concession nicht den Gegner entwaffnet, sondern ihn gerade bestärkt in seiner Behauptung. „Seht Ihr", sagen sie jetzt, „wir haben Recht! Die Inden selbst schämen sich und schaffen den Kol-Nidre ab, aber — der Meineid istden Juden doch erlaubt, nur er wird nicht mehr öffentlich sanctionirt!" Genützt hat's nichts, wie Stöcker das beweist. Oder wird man von Seiten der Reform den gesetzestrcuen Juden heute die Schuld zuschieben, weil sie immer noch den Kol-Nidre sagend Wird vielleicht ein Neformrabbiner sich bei Herrn Stöcker rechtfertigen, er und seine Gesinnungsgenossen hätten ja schon längst den Kol-Nidre abgeschafft? Für ihn und dieNeformjuden wäre der Talmud nicht maßgebend? Vielleicht würde er die oben erwähnten Worte zur Antwort erhalten, und, es würde ihn in den Augen Stöckers nicht um ein Haarblonder erscheinen lassen. Wenn tnan den Judenfeinden Concessionen machen wollte um ihren Anfeindungen zu entgehen; so müßte man einfach mit dem ganzen jüdischen Gesetze atlfräumen und selbst dann — lute ja die Erfahrung heute lehrt — bliebe immer der Semite übrig. Bosheit und Unwissenheit können, das merke man sich, durch keine Concession beseitigt werden. Und so haben alle Concessionen, die die Reform bis heute aus religiösem Gebiete gemacht, dem Judenthume nur geschadet, die Unwissenheit nur groß gezogen und das Judenthunl zum Spielball der Laune gemacht, so daß die Religion nur noch ein Modeartikel ist. Und das hat man doch wohl nicht damit beabsichtigt? Man wollte doch sicherlich nicht Religionsspötter großziehen; wollte doch nicht das ganze jüdische Gesetz mit seiner Grundlage erschüttern und die Bekenner des Judeltthums bis zum Abfall von ihm führen? Und doch sind diese Folgen heute offenbar. Wir sind doch in der That neugierig, ob man noch lange behaupten wird, die Reform habe zur Hebung des Judenthums so viel beigetragen, oder ob man nicht doch bald Anstrengungen machen wird, um aus dieser Versumpfung alles wahren jüdischen Lebens endlich herauszukommen. Die Haltlosigkeit des ganzen Reformbestrebens zeigt sich heute von Tag zu Tag mehr. Und so gut und zufrieden stellend sind doch die jüdischen Zustände nicht, daß nicht endlich auch auf diesem Gebiete eilt Fortschritt cintreten sollte. Seit Decennicn hat die Reform einen Stillstand zu verzeichnen. Will sie ein Bedürfniß der Zeit sein, so darf sie aber nicht stehen bleiben, sonst konnte es ihr ergehen wie der Reformgemeinde in Berlin, die nicht leben und nicht sterben kann, die als warnendes Beispiel dasteht jenes Bestrebens, Jude und doch nicht Jude sein zu wollen. Für Stöcker sind diese Juden doch Semiten und für uns Juden gelten sie als eine Secte, die schon bei der Geburt als todtgeborenes Kind der Zeit sich präseutirte und nur in Amerika, dem Lande der Mormonen, Quäcker und hundert anderer Secten, vereinzelnde Anhänger gefunden hat. Dr. H. S. Aus Westphaleu. Schon in unserem vorangegaugcnen Artikel über die jüdisch-religiösen Zustände Westphalens (Siehe Nr. 3i dieser Blätter) haben wir es angedeutet, daß eine große Schuld an den traurigen Zuständen betreffs der hew in Westphalen einige Rabbiner in der Rheinprovinz — dort lassen sich die meisten D'emtr hiesiger Gegend prüfen — trifft, indem diese Herren mit einer Unbesonnenheit und Leichtfertigkeit npnzi naTier m?2p ertheilen, die an's Unglaubliche grenzen und von denen man in frommen Gegenden keinen Begriff hat. Sicher können es diese Herren nicht verantworten, wenn sie so, ohne Weiteres eine solche heilige und wichtige in das jüdische religiöse Leben tief einschnei-