Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1885)
- Date
- 1885-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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614 mit den nachtheiligen folgen in dieser und in der künftigen Welt vergleiche. Der Umstand jedoch, daß Rabbi und nicht mrsr jno -.nz sagt, veranlaßt uns zu einer ganz anderen Ausfassung. Wir lesen in der ersten Mischnah bc* fünften Abschnittes unserer Maßechtah, daß die heilige Schrift uns deßhalb berichtet, daß Gott die Welt in zehn Aussprüchen erschaffen habe, um uns zu zeigen, wie groß das Verbrechen der Bösewichter ist, welche die Welt vernichten, und wie groß das Verdienst der Frommen, welche die Welt erhalten. Es ist hier nicht am Orte, diese Mischna ausführlich zu besprechen: dazu wird sich uns unter gütlichem Beistände später die Gelegenheit bieten. Nur den darin ausgesprochenen Grundsaß wolle» wir hervorhebeu, daß die Frommen die Welt erhalten, während die Bösewichter sie vernichten. Denselben Grundsatz finden wir auch in der heiligen Schrift ausgesprochen (Mischte (S. 10. B. 2.',): ü'?y HD' p'*iJ2i. „Und der Gerechte ist ein Grundpfeiler der Welt." Da nun ein Frommer, ein Gerechter ein solcher ist, der die Gebote Gottes vollzieht und die Uevcrtrctung der göttlichen Verbote meidet, während der Frevler das Gegentheil von dem thut, was Gott izeboten und verboten hat, so ergibt sich daraus, daß die Beobachtung der göttlichen Gesetze die Welt erhält, während die Uebertretung derselben sie vernichtet. So lehren auch unsere Weisen im Sifre (zum 5. B. M. (5. 0.28.5.): „ES heißt in der heiligen Schrift: Und Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott. Nicht weiß ich noch, wie man Gott lieben kann. Aber die heilige Schrift sagt es uns, indem sie sortfährt: Und es sollen sein diese Worte, die ich Dir heute befehle, auf Deinem Herzen." — Wir erweisen unsere Liebe zu Gott, indem wir zur Erhaltung Seiner Schöpfung beitragen uitb das kann mir dadurch geschehen, daß wir Seine Befehle uns zu Herzen nehmen und sie vollziehen. Wie die Erhaltung oder Zerstörung der Welt mit der Beobachtung der göttlichen Lehre im Zusammenhänge steht, das zu erörtern, würde ein eigenes Buch großen und tiefen Inhalts erfordern. Sowohl die schriftliche wie die mündliche Lehre geben nnS nur Andeutungen darüber, während sich die Kabalah ausführlich mit diesem überaus erhabenen und wichtigen Gedanken beschäftigt. Jede gute That, die der Mensch vollzieht, jedes Gottesgebot, das er übt, ist eine Stärkung und Kräftigung der Weltordnung, während jede böse That, jede Sünde zerstörend einwirkt. Es sind meistens uns unerkennbare, von uns nicht wahrnehmbare Kräfte, die dabei Mitwirken. Die Erkenntniß dieser Wahrheit ist von unendlicher Wichtigkeit. Durch sie finde» viele Vorschriften unserer heiligen Religion, die dem menschlichen Verstände nicht erklärlich sind und die den N'ichtjndcn sonderbar erscheinen, ihre Begründung. Der Mensch ist zwar nur ein Glied in der gewaltigen Schöpfung des allmächtigen Gottes, aber ein ljochbedcutsames. Ihn allein hat Gott unter allen seinen Geschöpfen mit der Freiheit des Willens begabt, und diese Freiheit wird dadurch um so bedeutsamer, daß sic Einfluß hat auf die Gestaltung der Welt, daß sie aber auch im Stande ist zur Vernichtung derselben beizutragen. Wir müssen also wohl unterscheiden zwischen irr und das letztere ist die Lohngabt, die wir von Gott empfangen oder zu erwarten haben. aber ist die wohlthatige Folge der Mizwah selbst, tvie es an einer anderen Stelle ansgedrückt wird ri-.Lv riiuv -2L'. Und nun lautet die Ermahnung Rabbi's folgendermaßen: Und berechne den Schaden, den Du der gesammteu Weltordnung durch Unterlassung einer Mizwah zufügst im Vergleiche mit dem Großen, tvaS Du für die Gefammtheit leistest, wenn Tu eiu GotteSgebot vollziehst, und ebenso berechne daS Vergnügen oder den Gewinn, die eine Sünde Dir bringt, im Vergleiche damit, daß Du durch sie die Weltordnung schädigst. Von diesem großen und erhabenen Standpunkte ans sollen der Jude und die Jüdin ihre heiligen Pflichten betrachten lernen. Eine jede dieser Pflichten ist von unendlicher Wichtigkeit nicht allein für nnS, sondern für die ganze Welt. Wie Abraham nur Einer war, ein einzelner Mann ohne Genoffen, und durch seine treue Pflichterfüllung und seine grenzenlose Liebe zu Gott der Grundpfeiler der ganzen Welt wurde, so kann jeder einzelne Jude, selbst wenn er in den bescheidensten Verhältnissen lebt, durch treue Pflichterfüllung und hingehende Liebe eiu obiy tid' pntt werden. Nach dieser Auseinandersetzung steht der Ansspruch Rabbi's nicht mehr im Widerspruche mit dem des Antigonos; ebenso wie dieser empfiehlt Rabbi, daß wir das Gute um des Guten willen üben, daß lvir das Schlechte um seiner selbst willen meiden. Tie Berechnung, die er uns an's Herz legt, ist nur dazu geeignet, nns dahin zu bringen, daß wir das Beste und Höchste erstreben, daß wir das höchste Glücks die reinste Seligkeit, daß wir die Heiligung suchen in der Beobachtung der Gebote unseres Gottes. (Fortsetzung folgt.)