Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1885)
- Date
- 1885-05-07
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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brüder den Plan, das Land unserer Väter durch deren Söhne aufs Neue zu colonisiren, als die Ausgeburt eines verbrannten Gehirns. Und doch weist gerade die Geschichte unserer Zeit mit unzweideutigem Fingerzeig darauf hin, dass der einzige Weg des Heiles für unsere niedergedrückten Glaubensgenossen nur darin besteht, ihnen im Lande aus dem sie stammen, ein neues Heim za bereiten. Die Cultur des neunzehnten Jahrhunderts ist zu ohnmächtig, um den Einwohnern der osteuropäischen, und nord&frikanischen Länder zum Bewusstsein zu bringen, dass der Jude doch auch ein menschliches Wesen ist, ausgestattet mit denselben Gefühlsorganen, empfindlich für Schmerz, Hunger und Misshandlung, wie Christen, und Muhamedaner, ein menschliches Wesen mit denselben Bedürfnissen wie Diejenigen, die sich in der Mehrheit befinden, kurz, dass der Jude ein Mensch ist und dass er als solcher beanspruchen darf, dass man ihn unbelästigt lässt, so lange er die Gesetze der Gesellschaft und des Landes, in dem er sich befindet, respectirt. Das alles kann der Barbar, der mit Turban bedeckte Marokkaner ebensowenig, wie der nach Pariser Mode gekleidete Rumäne begreifen. Soll man warten, bis die Cultur sich durch russische, rumänische und marokkanische Schädel Bahn gebrochen hat? Sollen inzwischen unsere armen Glaubensgenossen zu Hunderten und zu Tausenden dem Hunger und den Misshandlungen erliegen, und der Ueberrest zu einer Horde Menschen herabsinken, die durch die Verfolgungen und die Grausamkeit der Peiniger die menschliche Würde verlieren und in Armuth und Verzweiflung verkommen? Nein, so weit darf es nicht kommen! Es giebt noch Menschen, es giebt noch Juden, die sich nicht damit begnügen, die armen Brüder zu bedauern, wenn sie in den Zeitungen die haarsträubenden Berichte von den Gewaltacten der Barbaren lesen, die sich nicht damit begnügen, einen oder mehrere Seufzer auszustossen und über diese Grausamkeiten zu schimpfen, — es giebt Männer, — und ihre Zahl wächst mit jedem Tage — die nicht nur das Herz auf dem rechten Flecke haben, sondern auch die Hand, und diese haben angefangen den Weg zu bahnen, der, wenn Gott will, ein Weg des Heiles für die Unglücklichen werden soll. Die Colonisation Palästina^ durch Juden ist kein blosser Traum mehr, die Idee hat bereits greifbare Gestalt angenommen, es existiren schon Colonien. Es giebt ferner Tausende von Juden, die bereit sind, Colonisten im heiligen Lande zu werden, — nur müssen sie in den Stand gesetzt werden, sich einige Jahre zu erhalten, ohne von dem Ertrage der Colonie selbst abhängig zu sein; denn es vergehen bei jeder neuen Colonie einige Jahre, ja, manchmal ein ganzes Jahrzehnt und mehr, bis die Colonisten von dem Ertrage der Colonie allein ohne Mangel leben können. Die württembergischen Colonisten in Palästina, die heute in so glänzenden Verhältnissen leben, mussten fünfzehn Jahre lang von ihrer Heimath aus unterstützt werden, bis sie, wie man sagt, auf eigenen Füssen stehen konnten. Man glaube also nicht, dass es genügt, den armen Juden ein Stück Land anzuweisen, — nein, wahrlich nicht; es genügt auch nicht, dass sie Wohnungen für sich und ihr Vieh haben, — sie müssen einige Jahre unterhalten werden, wie die Colonisten auf Samarin und anderen Colonien von dem edeldenkenden Menschenfreunde in Paris thatsächlich unterstützt werden, bis sie die Bearbeitung des Bodens erlernt und denselben urbar gemacht haben werden. Wem das Wohl Israels am Herzen liegt, steuere bei, den erhabensten aller Pläne für die Zukunft unseres Volkes zur Ausführung bringen zu helfen. Palästina ist das einzige Land, wohin die armen jüdischen Flüchtlinge dirigirt werden können. Amerika, das sonst so gastfreundlich, schliesst seine Pforten den unbemittelten Auswanderern. Wohin sollen diese Vertriebenen? Es giebt nur eine Antwort. Es muss möglich gemacht werden, dass diejenigen Juden, die durch die Intoleranz der osteuropäischen Länder vaterlandslos geworden sind, ein neues Vaterland im Lande ihrer Vater finden; Palästina muss durch Juden colonisirt werden. Gelingt dieses, so ist wahrlich viel geschaffen; nicht nur wäre die Frage gelöst, was mit den armen Vertriebenen aus so vielen Ländern werden soll, nicht nur wäre der Verleumdung, als ob die Juden arbeitsscheu wären, ein Ende gemacht, es wäre dann auch die Frage gelöst, was ans den Tausenden von armen Juden, die in Jerusalem und sonst in Palästina wohnen und alle von | | 'i