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Der Israelit · 1885-05-07 · Heft 36 (7.5.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 36 (7.5.1885)
Date
1885-05-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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(»OB „aber ich will nichts essen, was die Juden nicht essen dürfen." Der Sanitätsrath lachte noch lauter. „Junge, Junge, was bist Du sür'n verschrobenes Köpfchen! Meinst Du denn in Wirklichkeit, das; die Juden nicht Fleisch essen dürfen? Für so dumm hätte ich Dich nicht gehalten." „Nein, ich bin nicht dumm!" rief der Knabe aufspringend, und den Sanitätsrath mit seinen blitzenden Feueraugen messend, „ich weiß wohl, daß die Juden Fleisch essen dürfen, aber das muß geschachtet werden und dann muß es in Wasser gelegt werden und dann mit Salz bestreut werden, daß das Blut herausgeht." „Dann kann's auch kein Mensch mehr essen," sagte der Arzt. „Oho!" rief der Kleine, „das weiß ich besser. Meine Mutter macht es immer so, und es ist sehr gut." „Aber es ist doch ein bodenloser Unsinn, die besten Sachen so zu verderben." „Das ist kein Unsinn," eiferte der Knabe, „mein Vater hat^s gesagt, das will der liebe Gott so haben, weil die Seele von den Thieren im Blut ist, und wenn die Menschen das mit essen, dann können sie gar nicht so leicht das lassen, was der liebe Gott verboten hat, dann sind sie viel leichter böse." „Schweig, Kerlchen, mit Deinem Nonsens. Nicht das, was in den Mund hinein kommt, macht es aus, sondern das, was ans dem Mund heraus kommt." „Das verstehe ich nicht," sagte Viktor. „Das ist doch nicht so schwer zu verstehen. Wenn man Böses spricht, z. B. etwas sagt, was nicht wahr ist, dadurch wird man schlecht. Kinder sogar schon, wenn sie sagen, ich will oder ich will nicht; aber von dem, was man genießt, dadurch wird mau nicht böse." „O!" triumphirte der Kleine, „Du hast gesagt, daß ich dumm bin, aber Du bist's noch viel mehr. Papa hat gesagt, daß das Pferd mich gestoßen hat, das wäre nur daher gekommen, weil der Johann zu viel Branntewein getrunken hat. Siehst Du, daß man Böses thnn kann, durch das, was in de» Mund kömmt!" Die Herren lachten. Herr von Köuigsteiu blickte mit berechtigtem Stolze auf sein liebliches Kind, er neigte sich zu ihm und drückte einen Kuß auf seine Stirn; dann führte er den Arzt in ein anderes Zimmer. „Der Junge ist ein Prachtkerl," sagte der Sanitätsrath, „aber seinen Eigensinn müssen Sie dennoch brechen; als Vegetarianer könnte er zu Grunde gehen." „Das verhüte der Himmel!" sagte Herr von Königftein erbleichend. „Sie müssen's verhüte»," donnerte der Sanitätsraty. „Donner und Doria! wenn Sie das nicht einmal durchsetzen könnten —" „Mit der Zeit hoffe ich es auch durchzusetzen, aber —" „Lieber Freund, ich halte mich verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu mache», daß Sie in dieser Beziehung keine Zeit zu verlieren haben." „Aber, was soll ich thuu? ich kann ihn doch nicht zwingen." „Und warum nicht? Kinder müssen essen, was ihnen vorgesetzt wird, und wenn es nichts anderes bekommt, wird auch Ihr Bürschchen in den Braten beißen." „Ihn in dieser Weise zu zwingen, dazu kann ich mich nicht entschließen," entgegnete Herr von Königstein leicht erröthend; „ich würde seine Zuneigung verscherzen, uud Sie können es sich nicht denken, wie sehr ich nach der geize." Der Sanitätsrath zuckte die Achseln. „Wenn Sie die Maibaums bewegen konnten, ihm die Schrullen anszureden —" „Ja, wenn ich das könnte; aber das kann ich eben nicht. Es thut mir sogar aufrichtig leid, ich habe den Leuten versprochen, das Kind fleißig zu ihnen zu schicken, aber ich wage es nicht, denn ich habe die feste Ucberzeugung, sie würden es in feinen Schrullen noch bestärken. Ich hatte doch keine Ahnung, daß das kleine Kerlchen schon so viel vom Judenthum weiß." „Aber die Leute müssen doch so viel Einsicht haben, daß Sie Ihren Sohn nicht wie einen Indenjungen —" „Sie betrachten ihn aber als solchen, obgleich sie wissen, daß er getauft ist." „Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als das Bürschchen 311 betrügen. Lassen Sie Ihren Koch Heraufrufen und befehlen Sie ihm in Gegenwart des Kindes, daß er von nun an nur Fleisch kaufe, das der Maibaum geschachtet hat und daß er dasselbe nach Angabe Ihres Söhnchens vor dem Kochen in Wasser lege und nüt Salz bestreue. In dieser Weise werden Sic noch am besten mit ihm fertig werden; denn ich wiederhole, eine nahrhafte Kost ist ihm dringend nothwcndig. — Und auf was ich Sie noch aufmerksam machen möchte, Sie haben das Kind, vermnthlich um im Sturm seine Liebe zu erringen, mit Spielwaaren geradezu überhäuft.

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