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Der Israelit · 1885-05-07 · Heft 36 (7.5.1885) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 36 (7.5.1885)
Date
1885-05-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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602 lich, er fiiiiltc sich so glücklich, sein Kind wieder unter seinem Dache z» haben und sein Kind weigerte sich, ihn als Vater anzuerkeuneu, sehnte sich hinweg zn den Fremden, die es erzogen. Freilich, wenn er gerecht sein wollte, so mußte er sich freuen, daß sein Kind, trotz der Pracht, die es umgab, sich zurücksehute nach den schmucklosen Räumen, wo die guten Menschen tveilten, die ihm so viel Liebe erzeigt hatten. War dieses doch der beste Beweis von dem dankbaren Herzen seines Kindes. Doch in einigen Tagen hoffte er, werde es sich schon an sein neues Heim gewöhnen. Allein das ging nicht so rasch. Jeden unbewachten Moment benützte das kleine Bürschchen zu einem Fluchtversuch. Freilich kam er nie weit; die aufmerksame Dienerschaft seines Bakers hatte ihn jedesmal rasch eingeholt und trotz seines Sträubens zurückgebracht in sein prächtiges Heim. Endlich erzählte ihm Herr von Königstein, das; seine Pflcgeeltern die Stadt verlassen hätten; wenn Viktor jedoch sehr brav sein werde, wolle er sich erkundigen lassen, wohin sie gezogen und dann dürfe er sie fleißig besuchen. Dem kleinen Bürschchen blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich zu fügen und in der Hoffnung, dadurch seine Pflegeeltern wieder zu sehen, war er brav, d. h. er gewöhnte sich an seine neue Umgebung. Zwar sprach er noch beständig von seinem lieben Vater und von seiner lieben Mutter, aber er nahm doch Interesse an den Dingen, die ihn umgaben und beschäftigte sich mit denselben. Auch hatte er sich bereits gewöhnt, Herrn von Königstein Papa zn nennen, was diesen mit unaussprechlicher Freude erfüllte. Rur in einer Beziehung war der Kleine noch immer unbeugsam; er hatte tut Hause seines Vaters noch keine gekochte Speise genossen. Zwar litt er dadurch keinen Mangel, hatte sogar ganz trefflichen Appetit, aber der zärtliche Vater begann doch ernstlich zn fürchten, daß diese ausschließlich vegetabilische 'Nahrung für die Dauer dem Kinde nachtheilig werden könne. Er zog den Arzt zu Rathe, ltub dieser erklärte, daß der zarte Knabe, zumal nach der kaum überstandenen Krankheit, recht kräftigender Nahrung bedürfe, und daß seinen Schrullen um keinen Preis nachgegeben werden dürfe.. „Führen Sie mich doch zu dem kleinen Widerspünstigen; vielleicht gelingt es mir, das Kerlchen zur Raison zu bringen." Viktor saß auf dem Teppich, umgeben von euiem wahren Chaos von Spielsachen. Als die Herren in sein Zimmer traten, war er eben beschäftigt, eine kleine Drehorgel zu zerhämmern, um, wie er sich ausdrückte, das Ding zu sehen, was die Musik macht. Der Arzt lachte, ein derartiges Kinderzimmer hatte er noch nicht gesehen. „Guten Morgen, Kleiner!" rief er, indem er dem Kinde die Hand entgegenstreckte. „Komm einmal her zn mir, ich habe mit Dir zn reden." Nur ungern unterbrach Viktor seine interessante Beschäftigung; doch auf einen Wink seines Vaters stand er auf nnd reichte dem Arzte seine Hand. Dieser neigte sich zu ihm und blickte ihm prüfend in's Gesicht. „Das Kind sieht nicht gut aus, Herr von Königftein, durchaus nicht gut. Ißt es denn gehörig Fleisch und Bouillons" „Nichts von alledem," erwiderte Herr von Königstein seufzend, „er will nichts anderes effen als Brod, Dbst und Consect." „Da würde ich ihn aber sofort zum Kukuk jagen," polterte der Sanitätsrath. „Was? nichts anderes essen wollen als Brod und Näschereien? Potztausend Junge, Du solltest mein Kind sein! — Fleisch mußt Du essen, viel gebratenes Fleisch und Kraftbrühe. Wirft Du es thun?" Viktor schüttelte energisch das Lockenköpfchen. „Was? Du willst nicht?" „Nein," entgegnete der Knabe entschieden. „Und ich sage Dir, Tn mußt!" schrie der Sanitätsrath und erhob drohend seinen Stock. „Und ich thu's doch nicht!" rief der Kleine, „ich fürchte mich gar nicht vor Dir." Beide Herren lachten. „Auf diese Weise kommen wir demnach nicht zum Ziel, versuchen wir's also auf eine andere. — Sage mir doch, Tn kleiner Narrkopf Tn, warum willst Du denn eigentlich kein Fleisch essen?" Viktor antwortete nicht sogleich, eine feilte Rothe überzog seine Wangen, wie fragend blickte er auf seinen Vater. „Nun Kind, warum antwortest Dtt dem Herrn Sauitätsrath nicht?" Der Kleine zögerte noch immer, er schien seiner Sache nicht sicher. „Null Bürschchen, sprich frisch von der Leber weg, das ist das Beste. — Also warum willst D» nicht Suppe und Fleisch essen?" „Weil es verboten ist," flüsterte der Kleine. „Wa—wa—was? es ist verboten, Fleisch zn essen? — Wer hätte das verboten? — sprich!" „Gott," lnurntelte Viktor. Der Sauitätsrath lachte hell auf, „Gott hätte den Fleischgenuß verboten? Wer hat Dir das weiß gemacht?" „Das hat mir Niemand weiß gemacht," rief der Knabe, durch das Lachen des Arztes gereizt,

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