Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1885)
- Date
- 1885-05-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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582 Warschau. Der „Warsch. 'Courier" bringt folgende, allerdings etwas wunderbar klingende Nachricht: Ein Jude machte der Polizei die Anzeige, daß, wie er in Erfahrung gebracht, sich bei einem christlichen Taglöhner ein Kissen befinde, welches sich im Jahre 1882 bei der Einäscherung seines Hauses mitgeranbt war; in diesem Kissen befinde sich eine Summe Geldes, wovon der augenblickliche Inhaber keine Ahnung habe. Die Nachforschungen der Polizei bestätigten die Aussage des Juden, indem die Summe von 6000 Rubel in dem bezeichnetcn Kissen gefunden wurde. Die Freude des Juden über sein wicdcrcrlangtes Geld, in dessen Besitz wieder zu gelangen er niemals gedacht hat, läßt sich denken. P a l ä st i n a. Jaffa. Der dahier wohnende Philantrop Baron Astinoff zeigt eine besondere Zuneigung gegen die Inden. Er unterhält auf seine Kosten ein Hospital, in welchem Kranke der verschiedenen Glaubensbekenntnisse Aufnahme finden; aber die dahier domicilirenden russischen Inden sind der Gegenstand seiner besonderen Fürsorge. Türkei. K onftarrtinopel, 20. April. Am verflossenen Sonnabend kam es in dem Stambul gegenüber gelegenen Kadiköi, wie bereits gemeldet, zu einer Judenhetze. Ein gewisser Stefan fand, als er seine Bude öffnete, auf der Schwelle seiner Thüre ein mit Blut besprengtes Kreuz, das mit Koth bedeckt war. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht und von allen Seiten stürzten die Griechen herbei, wüthend über die freche That und racheschnaubend gegen den unbekannten Urheber derselben. Man bcrieth sich, erkundigte sich, ohne irgend einen Anhaltspunkt zu gewinnen. Da rief einer ans der Menge: „Das muß ein Jude gethan haben!" — „Ja, die Juden haben cs gethan, nieder mit ihnen!" — schrie es ihm nach, und fort stürmte der rasende Haufen zu den Wohnungen der Inden: Männer, Weiber, Kinder, Alle wollten blutige Rache üben. Die Unglücklichen, denen der Besuch galt, meistens arme Leute, die sich kümmerlich vom Hausirhandel ernähren, hatten eben noch Zeit, ihre Hütten zu schließen und die Thüren mit Tischen und Stühlen gegen die Angreifer zu verbarrikadiren. Da die Versuche, einzudringen, nicht sofort gelangen, wurden die Fenster eingeworfen. Einige machten eben Miene durch die Oeffnungen in's Innere zu steigen, als eine Patrouille erschien und dem Treiben Halt gebot. Aber nun ging es gegen die Soldaten, die wohl nicht lange hätten Stand halten können, wären nicht zur rechten Zeit aus der in der Nähe liegenden Kaserne Verstärkungen eingetroffen. An Thätlichkeiten war nun jetzt allerdings nicht mehr zn denken; die Aufregung war aber noch nicht bemeistert. Der Haufen verlangte kategorisch, daß die Juden das Quartier räumen müßten. Ein Gendarm wurde arretirt als der vermeintliche Urheber der gedachten Missethat. Auch das half nichts. Ein reitender Bote ging auf's nächste Telcgraphenamt, um dem Sultan Bericht zu erstatten und dessen Befehle zu gewärtigen. Als die Antwort eintraf, ging die Räumung auch wirklich von Statten. Den Rückzug deckten die Soldaten, so daß es diesmal zu Blutvergießungen nicht kam. Viele der armen Leute wußten nicht, wohin sie sich flüchten sollten; neerhielten Baracke angewiesen, die der Obhut eines Piquet Soldaten anvertraut wurde. Einige blieben in ihren Wohnungen zurück, in der Hoffnung, man werde sie nicht weiter belästigen. Die Nacht verlief auch ohne lvcitere Störung, aber mit Tagesanbruch ging der Skandal von Neuem los, und der Pöbel erklärte sich erst für befriedigt, als der letzte Jude das Quartier verlassen hatte. Zur Ehre des ökumenischen Patriarchen sei noch hinzugefügt, daß von seiner Seite Alles versucht wurde, um den Pöbel zu beruhigen und zur Ordnung zurückzuführen. Leider hat sein Machtwort in diesem Falle nichts gefruchtet. A s i e n. Jetzt, wo die centralasiatischen Verhältnisse im Vordergründe der Tagesereignisse stehen, dürfte die Mittheilung eines Correspondenten von doppeltem Interesse sein, daß in Merw und in der Festung Sarak eine große Anzahl Juden wohnen. Dieselben sind aus Persien und Afghanistan eingewandert. Ter Schochet in Merw stammt ans Meschhed (in Chorasan), wo die Juden vor 45 Jahren gezwungen worden sind, den Islam anzunchmcn. Etwa 500 Familien wurden znm Schein Mohamedaner. Sie haben fast in jedem Hause einen Schochet, damit die Perser nicht sehen, daß sie den jüdischen Ritus halten. Mischehen kommen nicht vor, die Töchter heirathen sie, wenn sie 8—10 Jahre alt sind, und. erhalten, entgegen der persischen Sitte, welche ein Kanfgeld für die Eltern der Braut fordert, eine Mitgift. Ihr religiöser Führer ist ein R. Mordechai, der zugleich der reichste Seidenfabrikant dort ist. Er soll mehrere Millionen besitzen. Ihn selbst hat der Correspondent nicht in seinem Hause angetroffen.