Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1885)
- Date
- 1885-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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579 gelesen zu werden, als die preisgekrönte Erziehungsschrift. Wenn nun trotz dieser Thatsache eine Stimme sich hören läßt, welche über Erziehung, über Mädchenerziehung, über Mädchenerziehung im und zum Judenthum etwas hören will, so muß man mit Freude und heiligem Eifer dieser Stimme Antwort geben. Bei keinem anderen Volke liegt die Grnndveste der Religion und des Glaubens so in der Familie wie gerade bei dem jüdischen Volke; deshalb ist auch bei uns Juden die Trägerin der Familie, die Frau, die Trägerin des Glaubens, des Judenthums. Das Arbeitsfeld des Mannes liegt draußen in der Welt; er hat mit aller Kraft zu ringen, daß er des Lebens Nothdurft herbeischaffe, ihm bleibt für seine Kinder wenig Zeit; nur der Schabboth vereinigt Eltern und Kinder mit seiner heiligen Ruhe. Es ist also vorzugsweise in die Hand der Mutter gegeben, die Kinder zu erziehen im Jndenthnm für das Judenthnm, den jüdischen Männern gute jüdische Frauen, dem jüdischen Volke echt jüdische Mütter zn erziehen. Die jüdischen Mütter sind im kleinen Kreis der Familie die Priesterinncn des jüdischen Glaubens, und das Ziel, welches wir bei der Erziehung von Israels Töchtern erstreben, ist: das israelitische Mädchen für seinen heiligen Beruf einer jüdischen Gattin und Mutter vorzubereitcn. Doch dazu gehört sehr viel, aber bei gutem Willen läßt sich Vieles erreichen. Die Erziehung unserer Mädchen beginnt schon früh, schon mit der Zeit, in welcher das Kind anfängt zu sprechen. Die Gebote der Reinlichkeit, das Waschen der Hände, werden ihm zu Geboten Gottes, und das Kind muß so gewöhnt werden, daß ihm Schmutz das ist, was dem Erwachsenen die „Unreinheit" (tumoli) ist. Du wirst bald einsehen, daß auch das scheinbar geringste Gebot der Religion segensreiche Folgen für den, der es ausübt, hat; dir Folge der Beobachtung dieses Gebots ist: Gewöhnung an Reinlichkeit. Hier kann die Mutter den Grund in ihre Tochter legen für deren ganzes späteres Lebensglück. Mit dem Beginne des zweiten Lebensjahres, in welchem das Kind sprechen und laufen kann, konunen verschiedene Gebote der Religion hinzu, an deren Beobachtung das Kind gewöhnt werden muß. Es sind Gebet, Sabbat, Speisegesetz, Elternliebe und Gehorsam. Früh schon verlangt das Kind zu beten und die moderne Zeit will, daß das Kind schon Alles verstehe, auch das Gebet; man läßt deshalb das Kind ein beliebiges Gebet in deutscher Sprache beten, wähnend, daß die Ansdrücke des in Neimen verfaßten Gebetes von deul Kleinen verstanden würden. Wahrlich ebenso gut versteht das Kind das Schma jisroel wie es das deutsche Gebet versteht; nicht weil das Kind es nicht versteht, sondern weil die Mutter nicht die Bedeutung des Schma kennt, muß das Kind denM beten. Das Gebet ist nicht Verstündessache, sondern Sache des Gefühls, und die heiligen Worte unserer heiligen Sprache besitzen ganz den Wohllaut und die Einfachheit, um die Sprache des Gefühls sein zu dürfen. Das Kind hat eine Ahnung von einem großen, allmächtigen Gott, den es nicht begreifen und nicht sehen kann. Wenn es in deutscher Sprache zn ihm betet, so muß der liebe Gott ja auch deutsch verstehen und muß von seiner Größe eiubnßen in der Vorstellung des Kindes, während, wenn es" in unbekannter, doch nicht fremder Sprache zum Unsichtbaren sich wendet, sein Herz die Größe jenes Gottes ahnt. Gerade beim Mädchen, bei dem dasGemüth übcrwiegt, ist das Gebet in hebräischer Sprache erforderlich, um dasGemüth ans den richtigen Weg zu führen. Es wird dann die Thatsache eintreten: die Mädchen, die deutsch beten lernen, verstehen und beten nicht, während die Mädchen, welche hebräisch beten lernen, nicht verstehen, aber trotzdem beten. Dazu tritt die Ermahnung der Schrift an die Mutter: Mipi aullalira wejaimkim jesadto aus. Wahrlich ein hohes Amt für Israels Mütter. Mit dem Gebet enge zusammen hängen die Sabbat- und Speisegesetze. Von diesen denke ich im nächsten Brief Dir zu schreiben. Für heute hast Du zu denken. Lebewohl Dein B. Wcmcrknngen zur tasmudischen Sprach- und Sachkunde. w Von D r. H—ch. E. IV. In Folgendem lege ich den Lesern dieses Blattes einen Versuch vor, eine schwierige Talmudsteke zu erklären, die bis jetzt, soviel ich sehe, noch von keiner Seite Beachtung gefunden hat. Im Traktat Jüma 78 a heißt cs: pcse nm, snpn pso min* n. D. h. Rabbi Jchnda kühlte sich (am Versöhnungstag) mit einem Kürbis; ab; (wahrscheinlich, indem er denselben in Stücken schnitt und die feuchten Scheiben sich auf Stirne und Schläfen legte, um dieselben abznkühlen.) Rabba kühlte sich ab mit Npir. Keiner der Kommentatoren sagt, was dieses Wort bedeutet. Npu* ist ein Kind auf aramäisch und es bedarf keiner langen Auseinandersetzung, daß diese Bedeutung hier nicht paßt und unmöglich gemeint sein kann. Ein Kind ist kein Objekt, mit dem man sich abkühlt, vielmehr des Gegentheils.