Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1885)
- Date
- 1885-04-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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562 £fl0e viel werden mib sich mehren die Tage Deines Lebens.) Soll einem Mädchen der Name gegeben werden, so läßt sich der Later anfrnfen und trägt das Kind im Festgewanö hinauf zur Emporbühne, wo er den Segensspruch sagt. Idyllischer Reiz und strahlender Frohsinn lagert über dieser ganzcnScene: Das innigste Familienglück in der Sstnagoge! Rom hat fünf Synagogen, von denen zwei dem spanischen und drei dem italienischen Ritus angeboren. Sic haben folgende Rainen: Scuole del Tempio. Catalona, Oastilliano. Siziliano und Souo- Ianova, Sämmtliche Synagogen befinden sich in einem Hause, auf die unteren und oberen Räume verthcilt; die besonderen Eingänge munden in verschiedene Straßen. Die „heilige" Jnguisiton hatte nämlich den Juden nicht mehr als eine Synagoge gestatten wollen, und nur mit theurem Gclde wußte man sich die Erlanbniß zu erkaufen, die bereits seit alten Zeiten bestehenden Eougregatkonen in einem Hanse vereinigen zu dürfen Ruch diese fünf Gotteshäuser dürfte bald als redendes Monument der Geschichte angehören. Mit deut Sturze des kirchlichen Regimentes und der Erlangung der politischen Freiheit haben sich auch die trostlosen Zustände innerhalb der Gemeinde allmählich gebessert. Die äußere Einigung hat zur inneren Einigkeit geführt, und in nicht ferner Zukunft wird die neuerstandene iüd. Gemeinde Roms in einem neuen Gotteshanse sich znm Gebet zu ihrem himmlischen Later vereinen. Ein Midrasch erzählt — so schloß der Redner seinen einstündigen Bortrag —, wie Jemand einen edlen Saphirstcin znm Verkaufe nach Rom brachte. Die Käufer wollten seine Härte prüfen; sie legten ihn auf einen Amboß und hieben mit einem Hammer gar wuchtig auf ihn ein. Doch der Amboß zerstieb, der Hammer zersprang: der Saphirstein blieb unverändert. In dieser schlichten Erzählung spiegelt sich die Geschichte der Söhne unseres Stammes getreu wieder. Der Amboß ist zerstoben; der Boden, auf dem sie duldeten und litten, ist zerfallen; Trümmer decken ihn. Der Hammer und die Hämmerer sind gerichtet und vernichtet, und nur der Saphirsteiu hat im Strafgericht der Jahrtausende Amboß und Hammer überdauert, allen Stürmen der Zeit hat er getrotzt, und fort und fort glanzt er und strahlt in seiner Härte, in seiner Widerstandskraft und seiner Schönheit. Ad. L-e. Fe >r illeton. Gerettet. Line Erzählung von Friedrich Natt. Zehntes Kapitel. Abermals trat ein Diener in das Zimmer und meldete, daß das Mittagessen scrvirt sei. „Komm, Liktor!" ries der Later, „Du wirst, hnngcrig sein." Er selbst hätte in seiner Wonne nicht au's Essen gedacht. „Ich bin gar nicht hnngcrig," erwiderte der Kleine, „aber Later und Mutter werden mit dem Essen auf mich warten. Wirft Du mich jetzt nach Hause fahren lassen?" „Du bist hier auch zn Hause und wirst jetzt mit mir essen." „Bei Dir soll ich essen?" wiederholte Liktor, während ein verlegenes, fast ängstliches Lächeln um seine Lippen spielte, „aber ich kann ja nicht bei Dir essen, Dü bist ja keilt Jude." „Woher weißt Tlt das?" Liktor sprang zur Thür und blickte an den Pfosten hinauf; dann tarn er zurück und schüttelte den Kopf. „Rein, Du bist ganz gewiß kein Jude, ich kann nicht bei Dir essen." „Aber liebes Kind, sei doch nicht so unvernünftig." „Aber ich bin ja nicht unvernünftig. Du weißt das nur nicht. Der liebe Gott hat cs verboten, Juden dürfen nicht bei Richtjudcn essen." „Wer hat Dir das gesagt?" rief Herr von Königsteilt unmnthig. „Das hat mir mein Later gesagt. Du weißt doch, der ist Schächter, und die Juden dürfen gar kein Fleisch von einem Thiere essen, das nicht mein Later oder ein anderer jüdischer Schächter geschlachtet hat. Willst Dlt mich jetzt nach Hause fahren lassen?" Herr von Königstein überlegte; er hätte eine Auseinandersetzung gern verzögert, bis das Kind sich mehr an ihn gewöhnt haben würde, aber bei den ihm so überaus seltsam erscheinenden religiösen Anschauungen des Kleinen konnte er eine Erklärung nicht länger hinausschieben. „Komm," sagleer, des Kindes Halld ergreifend, „Du brauchst heute kein Fleisch zll essen, iß Obst und Kuchen und was Dir sonst zusagt. Rach denr Essen werde ich Dir eine Geschichte erzählen, und dann wirst Tu auch einsehen, daß Du alles essen kannst, was ich Dir gebe." Liktor schüttelte das Lockenköpschcn. »Laß* mich jetzt nach Hause," bat er, „meine liebe Mutter wird so große Angst haben." Um seine Lippen zuckte es, wie im verhaltenen