Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1885)
- Date
- 1885-04-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Weinen, Herr von Königstein neigte sich zu ihm nnd streichelte ihm liebkosend die Wangen. „Du bist mein liebes, gutes Kind. Aber Deine liebe Mutter weiß, daß Du heute bei mir essen wirst, darum wartet sie auch nicht mit deni Gssen ans Dich nnd hat auch keine Angst um Dich." „Weißt Du das ganz gewitzt" „Ganz gewiß. Komm' nur, es wird Dir schon schmecken." Zögernd griff der .Kleine nach seinem Hute. „Aber Fleisch esse ich nicht und Luppe auch nicht, die wird von Fleisch gemacht." „Du brauchst nichts zu essen, was Tu nicht magst. Komm' nur." Mit sichtlichem Widerstreben und doch voll Neugier folgte Viktor seinem Vater, der ihn sanft mit sich zog in das gegenüberliegende Zimmer. Voll Staunen blickte er hier um sich; alles war ihm neu, fremd und von nie geahnter Pracht. Am meisten staunte er jedoch über den goldbetreßten Diener, den er, seiner prächtigen Kleidung und seiner würdevollen Bewegung wegen anfangs geneigt war für den Herzog zu halten und der sich doch so Lies vor ihm und seinem Vater geneigt hatte, als er ihnen die Thür geöffnet, Gs kam dem kleinen Bürschchen allzu komisch vor, er mußte hell auflachen. „Gefällt es Dir IjierV"' fragte der Vater, inucüi er ihn auf einen der um den Tisch stehenden Sessel hob. Viktor nickte vergnügt mit verlangendem Blick aus den prächtigen Tafelaufsatz mit dem schönsten Obst, das er se gesehen und den einladendsten (5onsitüren. Sein Appetit regte sich. Dort standen auch zierliche Brödchen in silbernem Korbe. Von den Süßigkeiten zu verlangen hätte er für unbescheiden gehalten, aber um ein Brödchen konnte er wohl bitten. „Darf ichV" fragte er, auf den Brodkorb deutend. „Gewiß liebes Kind, nimm' nur, was Dir schmeckt." Der Kleine streckte die Hand ans: doch plötzlich sprang er von dem Sessel. „Ich habe mir die Hände noch nicht gewaschen." „vast Du sie denn nicht rein-" „Das wohl, aber —" „Jacques," wandte sich Herr von Königstein an den Goldbetreßten, „bringen Sie etwas Wasser, mein Sohn wünscht sich die Hände zu waschen." Viktors Köpfchen fuhr herum und seine weit ausgerissenen Augen starrten auf den Mann, der ihn als seinen Sohn bezeichnet hatte. Dieser nickte ihm liebevoll lächelnd zu, und der Kleine, die Aeußerung für Scherz haltend, lachte laut. Und da kam auch schon der stinke Jacques mit Lavoire und Gießkanne, ein weißes Handtuch über dem Arm. Viktor hielt beide Hände über das Becken nnd der Diener goß vorsichtig das Wasser über die rosigen Finger nnd reichte ihm das Handtuch. Der Kleine trocknete die Hände nnd sprach dabei, wie er es gewöhnt war, halblaut den beim Händewaschen vorgeschriebenen Segensspruch. Herr von Königstein preßte die Lippen auseinander, als er den K naben wieder ans den Sessel hob. Jetzt griff Viktor abermals nach den Brödchen nnd ließ sich auch die Trauben nnd die Makkaronen trefflich munden. Doch von den gekochten Speisen auch nur das Geringste zu genießen, dazu ließ er sich nicht bewegen, so verlockend auch einige der dampfenden Schüsseln ihm erscheinen mochten. Als er gesättigt, sprach er wiederum halblaut den ersten Absatz des Tischgebetes. Herr von Königstein preßte abermals die Lippen allfeinander und erhob sich. „Komm' Viktor, wir wollen jetzt in mein Arbeitszimmer gehen." „Ich möchte lieber nach Hanse. - - Willst Du mich jetzt nach Hanse fahren lassen- —- Du hast es doch versprochen." „Freilich habe ich das versprochen, und was ich versprochen, das halte ich. Doch komm' jetzt mit mir, ich will Dir etwas Schönes zeigen." Zögernd folgte der Kleine, er hatte bereits Sehnsucht nach denen, die er Vater und Mutter nannte, und all die herrlichen Sachen, die Herr von Königstein ihm als sein Gkgenthnm bezeichnet hatte, dachte er nicht nrehr. „Ich nlöchte lieber nach Hanse," wiederholte er kleinlaut. Herr von Königstein schien es nicht zu hören, er führte ihn in das erwähnte Zimmer, ließ sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische nieder nnd hob den Kleinen ans seine Kniee. Gr blickte hinaus zu dem Bilde seiner verstorbenen Gattin und dann auf sein liebliches Kind, die Aehnlichkeit war frappant. Thränen füllten die'Angen des sonst so kühlen Mannes. Unwillkürlich folgten Viktors Blicke denen seines Vaters. „Ach, was ist das für ein schönes Bild!" rief er, „hast Du mir das zeigen wollen?" Der Vater neigte bejahend das Haupt, indem er das Kind an sich drückte. „Das habe ich Dir zeigen wollen," sprach er nach kurzer Pause, in der er seine Erregung 31t bemeistern strebte. „Das ist ein schönes Bild," plauderte der Kleine, noch immer hiuanfblickend, „sieh' nnr, wie