Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 33 (27.4.1885)
- Date
- 1885-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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542 wie zu erwarten — die Generalversammlung das Wirken des Vorstandes nur billigen werde. Aber die Leitung des Vereines sei nicht sehr befriedigt, denn mit der'rapid zunehmenden Einwohnerzahl steigt auch die Zahl der Armen, und die Unterstützungsbedürftigen sind bereits zu einer solchen Menge ängewachsen, das; der Verein mit dem besten Willen nicht immer und nicht Jedem helfen kann, ja sehr Viele wegen Unzulänglichkeit der verfügbaren Mittel abweisen mnß. Da gibt es einen fortwährenden 5tampf, das Herz sagt: „gib!" und der Vorstand sagt: „es geht nicht!" Vorsitzender meint jedoch, cs dürften sich kluge und hochherzige Männer finden, die nach dieser Richtung bin eine nothwendig gewordene Verbesserung herbeiführen werden. Nach der beifällig aufgenommenen Webe des Präsidenten verlas der verdienstvolle Secretär Herr Weißmann den umfangreichen Bericht, dem wir die folgenden Daten entnehmen: Den Einnahmen von 98.689 fl. 91 kr. stehen Ausgaben von 99.l 79 ft. 58 kr. gegenüber, somit schließt das Jahr 1884 mit einem Deficite von 498 fl. 67 kr. Lemberg. Das Organ der Naellsike hadas berichtet folgenden Vorfall: Sonntag am 29. März starb das 5jährige Enkelkind des Herrn Predigers Löwenstein; die Beerdigung wurde für den ersten Tag des Peßach- ,festes hinansgeschoben und fand in Begleitung von Ehor und Musik statt. Dem mit Kränzen geschmückten Leichenwagen folgte der Prediger zu Ins;, andere Leidtragende indes; in geschlossenen Wagen. Wir kennen keine jüdische Gemeinde in ganz Europa, welche in der Nachahmung bis zur Verlegung der Leichenbegängnisse auf die Feiertage gelangt wäre. Eine solch crasse, öffentliche Verletzung der religiösen Sitte ist wohl noch nicht dagewesen! — R nßlan d. Petersburg. Der kaiferl. Senat hat an die Gouverneure der acht Districte Finnlands den Befehl ergehen lassen, unverzüglich eine Zählung der jüdischen Bevölkerung daselbst vorznnchmen und dabei zu berichten, in welcher Weise sich die Juden ernähren und auf Grund welcher Gesetze ihnen das Niederlassungsrecht gewährt ist. Diese Aufforderung des Senats hängt unstreitig mit den Verhandlungen zusammen, welche vor Kurzem im illländischen gesetzgebenden Körper über die Judenfrage stattgcfnnden haben. A m e r i k a. Philadelphia, 4. April. Die Alliance Colonie der russischen Juden von Vineland, N.J., in welcher soviel Armuth und Mangel den Winter hindurch herrschte, befindet sich jetzt in viel besseren Verhältnissen. Durch die Bemühungen einiger wohlthätigcn Herren von hier, wurde dem Hilferuf von allen Seiten Folge geleistet, so daß jetzt aller Noth abgeholfen ist. Diese Eolonie wurde bekanntlich vor mehreren Jahren durch die Nevyork Hebrev Aid Society gegründet und hatten die Eolonisten sehr große Mühe, ihre Existenz zu fristen. Jeder Mann hat jetzt eine Farm von l 5 Ackern, welche meistens zum Anbanen kleiner Früchte verwendet werden und sind die Aussichten für die Zukunft Glück verheißend. Marokko. Tanger. Die seiner Zeit von denverfolgten Demnater Juden nach Tanger und Fez geschickte Deputation ist nunmehr nach Erledigung ihrer Angelegenheit in ihre Heimath zurückgekehrt. Man hatte die Befürchtung ausgesprochen, daß der von den Demnater Juden zu erwählende Repräsentant in seiner Stellung der Negierung gegenüber vielen Gefahren ansgesetzt sein werde. Dem ist aber nicht so, da derselbe vollständig unter den Schutz der auswärtigen Mächte gestellt wird. Daß die Negierung den Gouverneur von Demnat in seiner Stellung belassen, ist eine sehr kluge Maßregel zu Gunsten der Juden gewesen; denn die seit Jahren vom Gouverneur gegen die Juden aufgehetzte mohamedauische Bevölkerung hätte im Falle der Absetzung des Gouverneurs höchst wahrscheinlich ihren Fanatismus in schweren Ausschreitungen gegen die Juden bethätigt. Tanger. Die Inden Marocco's haben in dem nencrnannten französischen Gesandten, Herrn Ferand, einen warmen Fürsprecher gefunden. Derselbe ist durch seine Kenntniß der orientalischen Sprachen im Stande, mit dem Sultan und den höchsten Behörden persönlich zu verkehren. Man gibt sich dahier der Hoffnung hin, daß dieses günstige Verhältnis; nach und nach eine Besserstellung der Situation unserer Glaubensgenossen bewirken werde.