Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 33 (27.4.1885)
- Date
- 1885-04-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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543 Feuilleton. Gerettet. Eine Erzählung von Friedrich Roll. Neuntes Kapitel. In vollem Galopp jagten die Pferde dahin. Viktor saß jetzt neben seinem Later, der einen Arm um ihn geschlungen hatte und ihn von Zeit zu Zeit an sich druckte, als furchte er, er könne ihm abermals entrissen werdet!. Leuchtenden Auges blickte der kleine Knabe um sich, der seines Wissens zum ersten Male in einem Wagen fuhr. „O, wie schön! wie schön!" rief er einmal über das andere. „Willst Du morgen wieder mit mir fahrend" fragte der Vater, indem er mit glücklichem Lächeln zu ihm herniederschaute. „Wenn Du mich nlitnehmen willst" entgegnete Viktor, „und wenn Vater und Mutier cs erlauben. „Aber nein!" rief er plötzlich, sich besinnend, „morgen kann ich nicht mit Dir fahren, morgen ist Sabbat." „Sabbat?" wiederholte Herr von Königftcin. Seit seinen Kinderjahren hatte er nicht an den Sabbat gedacht. „Du weißt nicht, was Sabbat ist?" fragte der Kleine, indem er zu ihm empor, und dennoch, wie von oben herab auf ihn blickte. „Das kommt, weil Du kein Jude bist. — Aber ich bin ein Jude" fügte er, sich in die Brust werfend hinzu, „und allen Juden hat der liebe Gott den Sabbat geschenkt; aber dafür dürfen sie am Sabbat nichrs arbeiten und auch nicht fahren." „Ein sonderbares Geschenk", sagte Herr von Köuigstein die Lippen kräuselnd. „Das ist gar nicht sonderbar", rief der Kleine heftig, „Du weißt ja gar nicht, wie das ist, weil Dll kein Jude bist." „Ereifere Dich nur nicht", sagte der Vater lächelnd, die rosigen Wangen des Kindes streichelnd. „Wenn Du morgen nicht fahren willst, so kannst Du zu Hause bleiben. Aber, wenn Du gerne führst, kannst Du übermorgen und alle Tage, außer am Sabbat, mit mir fahren." „Immer willst Du mich mitnehmcn? — Das ist schön, das ist schön. Aber werden Vater und Mutter es immer erlauben?" „Dafür lasse Du mich sorgen." „Aber", rief der Kleine plötzlich, „die Pferde laufen so schnell, da können sie wieder ein Kind stoßen." „Sei unbesorgt, der Kutscher fährt jetzt vorsichtiger." „Aber sie können doch lvieder ein Kind stoßen, und das thut so weh. Bitte, bitte, Herr von Königstein, lasse die Pferde nicht so schnell laufen." Herr von Königstein gebot dem Kutscher, langsamer zu fahren. „Bist Du jetzt zufrieden?" „Ja," sagte Viktor, indem er erleichtert aufathmete und das Köpfchen an den Vater lehnte. „Ich habe Dich lieb," setzte er hinzu, „weil Du mir Alles zu gefallen thnst." „Ich habe Dich auch sehr, sehr lieb, und darum mußt Du mir auch einen Gefallen thnn. Willst Du?" „Wenn ich kann." — „O, das kannst Dn leicht. — Dn mußt nicht Herr von Königstein zu mir sagen - Dn mußt Papa zu mir sagen." „Papa," rief der Kleine lachend, „aber so sagen ja die kleinen Kinder zu ihrem Vater." „Bist Du denn kein Kind?" „Aber doch kein so ganz kleines. Und dann bist Dn auch nicht mein Vater." Herr von Königftcin wollte antworten, aber der Wagen hatte eben eine Wendung gemacht, war in die eleganteste Straße der Residenz eingebogcn und gleich darauf hielt er vor einem schönen hohen Gebäude; cs war die Wohnung des Herrn von Königstein. Ein Diener öffnete den Schlag und hob das Kind ans beut Wagen, das sich mit einer Art ängstlicher Verwunderung nach seinem Begleiter umsah. „Ja, ja, ich konnue auch," sagte dieser, indem er aus dem Wagen sprang. „Komm, mein Kind," und er nahm den Kleinen an der Hand und schritt mit ihm über die breiten Marnlorstnfen in das Haus. „Hier wohnst Dn?" fragte Viktor. Ter Vater bejahte. „Hier ist's schön. Aber warum gehen wir denn die Stiegen hinauf? Du wolltest mir doch das Pferd zeigen, das mich gestoßen hat, das ist doch nicht oben." „Später gehen wir hinunter in den Stall, jetzt konnn nur hinauf!" „Aber ich weiß nicht, ob ich so lange hier bleiben darf, ich muß gleich wieder nach Hanse, sonst fürchtet meine Mutter, daß ich gefallen wäre." „K omm nur, komm. Deine Mutter weiß, daß Du bei mir bist mtb ich werde es ihr sagen lassen, daß Du nicht gefallen bist." Zögernd folgte der kleine Knabe, indem er sich neugierig nach allen Seiten hin nmsah. „Schön ist's bei Dir." „Freut mich, daß es Dir gefällt. Aber nun komm hier herein."