Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 32 (23.4.1885)
- Date
- 1885-04-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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->2K genüber wiederholen wir nochmals, daß unsere Anstalt „Waisenhaus für Rheinland und Westfalen" heißt nnd ist. Nie haben wir bei der Aufnahme gefragt, ob die Waisen ans Rheinland, oder Westfalen, maßgebend war uns nur die Nothlage der Wittwen und Waisen, der Wunsch, zu helfen nnd dadurch die Bestimmung unserer Anstalt zu erfüllen. So war zuweilen die Zahl der rheinischen Waisen größer, als die der westfälischen, ganz je nachdem uns die Anmeldungen wurden. Die Anstalt zählt jevt fiebenundfünszig Zöglinge, von denen siebenundzwanzig rheinische, nnd dreißig westfälische Waisen sind. Wir sind verhältnißmäßig. arm und disvoniren nicht, gleich andern Anstalten, über große Kapitalien. Schon seit Jahren ist das Bedürfnis der Vergrößerung unserer Räumlichkeiten empfunden worden. Wir erstreben diese mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln. Zahlreiche Aufnahmen haben bereits im Hinblick auf diesen Neubau stattgefunden; andere sind bis zur Vollendung desselben sistirt worden. Der Grundriß ist entworfen, die Kosten sind mit Zwanzigtausend Mark veranschlagt. Wir ersuchen deshalb die verehelichen Vorstände der Gemeinden, wie alle unsere gütigen freunde und Gönner, dahin zu wirken, daß diese Summe durch freiwillige außerordentliche Zeichnungen beschafft werde; die Summe ist groß, wenn wir sie bei unser» laufenden Ausgaben bewältigen sollen; klein, wenn Viele sich in opferwilliger Liebe daran betheilige». Entlasse» wurden sieben Knabe», denen wir die Wahl ihres Berufes freigeftellt; sechs entschlossen sich znm Kaufinannsstand, einer erlernt die Schlosserei. Wir werden in Zukunft darauf Rücksicht uehmen, bei denselben Lust und Neigung für das Handwerk zu erwecken, kein Kind zu zwingen einen Beruf zu ergreifen, der seiner Neigung widerspricht.. Sechs Knaben besuchen das Gymnasium, einer zum' Zwecke seiner künftigen Ausbildung als Lehrer die hiesige Präparanden-Schule. Bon den Mädchen wurden drei entlassen; eins derselben bildet sich in Berlin als Lehrerin aus, das andere besteht seine Lehre in einem Putzgeschäft liitb das dritte ist Lehrmädchen in ein Manufacturwaaren-Geschäft getreten. Tie Einnahmen betrugen 4M74 M. die bis auf 7,1)19 2». verausgabt wurden. Dresden, in. April. Zwei große Skandale in nuferer politischen und gesellschaftlichen Welt bilden gegenwärtig das Tagesgespräch. Die Antisemiten, die hier den Titel „Deutsche Reforrnpartei" führten, hatten es durch ihre rastlose Agitation dahin gebracht. daß sie sowohl in den sächsischen Landtag. wie in den deutschen Reichstag zwei Anhänger ihrer Partei einschmuggelteu. In den sächsischen Landtag wurde vor vier Jahren an Stelle des liberalen Rechtsanwalts Emil Lehmann, der antisemitische Rechtsanwalt Tr. Rob. Schmidt gewählt, und im Reichstag sitzt als Vertreter von Dresden-Altstadt der Stadtverordnete nnd Baumeister Gustav Hartwig, die Hauptsäule der Reformpartei, der sich durch seine amüsanten Enthüllungen über die Verwendung des sächsischen Buntpapiers bei den Japanesen in den weitesten Kreisen bekannt gemacht und in ganz Deutschland die überraschendste Heiterkeit hervorgerufen hat. Tr. Robert Schmidt ist nun in diesen Tagen heimlich durchgebrannt, ohne den Schluß der Session abzuwarten, indem sinanzielle Bedrängnisse es ihm räthlich erscheinen ließen, den Dresdener Staub von den Füßen zu schütteln, und der Reichstagsabgeordnete Gustav Hartwig, der gleichzeitig auch Stadtverordneter ist, wurde heute von der zweiten Strafkammer des königlichen Landgerichts wegen grober Beleidigung des Stadtraths zu U Tagen Gefängniß verurtheilt. Ter Reichstags-Abgeordnete Hartwig, der so empfindlich ist, daß er jede Kritik seiner Person und seiner Thätigkeit bei der Staatsanwaltschaft denunzirt, hat in zwei Inseraten der „Dresdener Nachrichten" am 22. und 29. Juli v. I. den Stadtrath gröblich beleidigt. Er erhob gegen ihn den Vorwurf, daß er ProtektionSwirthschaft übte, das; das patriarchalische System so weit gehe, daß er diejenigen Personen, welche in ihrer Eigenschaft als Stadtverordnete oder Stadträthe mit dem Stadtrath in intimer Beziehung stehen, auf Kosten anderer begünstige u. s. w. Dein Gerichtshof (Vorsitzender LandgerichlSdirektor von Mangold) imponirten die Redewendungen des Angeklagten, die sonst auf die Wähler von so zündender Wirkung sind, in keiner Weise, und bei der Schwere der Beleidigung wurde prinzipiell ans eine Gefängnißstrafe erkannt. Für die Antisemiten bedeuten diese Vorkommnisse einen harten Schlag, von dem sie sich sobald kaum erholen dürften. Oe st e r r. -Ungar. Monarchie. Aus Prfek (Böhmen) wird folgender Vorfall gemeldet: Am ersten Tage Ehol Hamoed schel Pesach gegen Abend kam ein zehnjähriger christlicher Knabe in die Hadernhaudlnng des jüdischen Kaufmanns Moriv Ball, um Kleider-Abfäll? zu verkaufen. Der Knabe hat den Laden bald verlasse». Gegen IO Uhr Abends kommen drei Polizisten zu B., um den Shirtbeii, der nicht nach Hause gekommen war.