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Der Israelit · 1885-06-01 · Heft 43 (1.6.1885) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 43 (1.6.1885)
Date
1885-06-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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704 F e rr i I I e t o n. Herettet. Eine Yrz^hlung von Friedrich Rott. Siebenzehntes Kapitel. Es war am folgenden Nachmittag, Maibaum's Wohnzimmer war sabbatlich geschmückt, zwei Vasen mit farbenprächtigen Blumensträußen erfüllten den freundlichen Raum mit süßem Dust. Herr Maibaum saß am Tisch, seinen aufgeschlagcnen Folianten vor sich. Ob er lernte? — Sein Auge schweifte oft hinüber zu seiner Frau, die vor Ungeduld bald zum Fenster trippelte, hinaus zu spähen, ob das Kind, das sie wie ihr eigenes geliebt, noch nicht nahe, bald hier oder dort einen Sessel anders rückte, dann wieder das Schränkchen aufschloß, eine Schüssel Erdbeeren und feingestoßenen Zucker herausnahm, dann wieder aus dem Fenster lehnte, ob er denn noch nicht komme, und dann abermals zum Schränkchen, um einige kleine Teller und Theelöffel herauszustelten und dann mitten im Zimmer horchend stehen blieb. „Ich fürchte, er kommt nicht," sprach sie dann endlich seufzend, „es ist gleich halb drei —" „Er wird kommen," sagte Maibaum mit zuversichtlichem Lächeln, „wenigstens wüßte ich nicht, was ihn zurückhalten könnte. Herr Dr. Seebach, das ist der Direktor des Instituts, hat es ihm in meiner Gegenwart erlaubt." „Wer kann da wissen — wenn die Leute dort alle so vornehm sind. — Vielleicht haben die andern Knaben über ihn gespottet, weil er Dich umarmt hat, und da genirt er sich jetzt." „Ho, ho, Du kennst ihn schlecht. Hättest nur sehen sollen. — Doch was ist das? — geht da nicht die Hausthüre?" Die Hausthüre hatte sich in Wirklichkeit in den Angeln gedreht und da eilte auch schon ein rascher, elastischer Schritt die Stiegen hinan. „Das wird er sein," flüsterte Frau Maibaum und wollte zur Thür eilen. Doch die Füße versagten ihr plötzlich den Dienst; sie mußte sich an der Tischkante halten, um nicht zu fallen. Ihr Gatte war der Thür zngeeilt, an die soeben geklopft ward, er brachte das einladende Herein nicht über die Lippen, aber er stieß die Thüre auf und mit einem Freudenschrei schlang er die Arme um den wiedergcfundcncn Pflegesohn. Doch nur für einen Moment. Viktor sah die Frau am Tische bebe», mit einem Sprunge war er an ihrer Seite und schloß sie in seine Arme. „Mutter! meine liebe Mutter!" Sie hatte auch ihre Arme um ihn geschlungen, aber sein Antlitz hatte sie noch nicht gesehen, ächränen verdunkelten ihren Blick. Es währte eine geraume Zeit, bevor die drei * Glücklichen ihre Erregung so weit bemeistert, daß es zu einer wirklichen Unterhaltung gekommen. Endlich saß Viktor zwischen den beiden alten Leuten, und jedes hielt eine Hand von ihm und blickte in das schöne, sanfte Angesicht, das er bald dem Einen, bald der Andern znwandte. Und dann erzählte er von seinen! jetzigen Leben in der Pension und auch von seinem frühen! im Hause seines Vaters. Wie er sich so unglücklich gefühlt hatte über die Trennung von ihnen und wie er in den ersten Tagen keine Fleischspeisen genossen hatte. Wie man ihn dann getäuscht und daß er erst nach anderthalb Jahren die Täuschung entdeckt und wie er dann doch hatte zugeben müffen, daß er als Nichtjnde es doch nicht hätte durchführen können, die jüdischen Speisegesetze zu beobachten. „Aber Ihr könnt Euch nicht denken, wie sehr es mich geschmerzt hat, als ich erfahren habe, daß ich kein Jude bin." Die beiden alten Leuten sahen einander an und drückten die Hand, die sie hielten. „Aber ich glanbe, ich habe nur wenig vergessen von dem, was Ihr mich gelehrt habt, — o, wie oft, in der Religionsstunde, wenn wir den Katechismus hersagen mußten, stiegen mir Zweifel aus an dem, was vorgetragen wurde, und dann war es mir immer, als ob ich Dich, lieber Vater, das Sch'ma beten hörte und das „echod" so lang dehnen." Herr Maibaum fuhr sich mit der Hand über die Augen und murmelte einige unverständliche Worte. „Und sieh', liebe Mutter," fuhr Viktor fort, indem er ein Eonvert ans der Tasche zog und ein kleines, viereckiges Gewand mit Schaufäden herausnahm, „das hast Du mir umgehängt — wie es heißt, das habe ich freilich vergessen, aber was der liebe Vater mir damals gesagt hat, das weiß ich noch ganz genau. Und obgleich ich es längst nicht mehr getragen habe, das wollte mein Papa nicht zugeben, so habe ich cs doch jeden Morgen angesehen und die langen Fäden an meine Lippen gedrückt und dabei habe ich innner an Euch gedacht und mir vorgenommen, innner brav zu sein."

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