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Der Israelit · 1885-06-01 · Heft 43 (1.6.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 43 (1.6.1885)
Date
1885-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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705 Frau Maibaum's Augen entstürzten Thränen, sie drückte den Knaben sanft an sich. „Und wenn er auch nicht unser leibliches Kind ist," sprach ihr Gatte, „unser Kind ist er doch und bleibt cs." „Immer," fiel Viktor ein, indem er die Hände der beiden Alten zärtlich drückte. „lind wie groß und schön Du geworden bist," sagte Frau Maibaum unter Thränen lächelnd, indem sie liebevoll zu ihm aufblickte. „Wkedercrkannt hätte ich Dich zwar nicht, aber wenn ich Dich längere Zeit anschaue, dann meine ich, daß Du doch noch Dein altes Gesicht hast." „Das sagt mein Papa auch," entgeguete Viktor, „und ich glaube es auch, denn mein Papa hat mir erzählt, daß gleich, als er mich zum ersten Mal bei Euch gesehen, ihm meine Aehnlichkeit mit meiner seligen Mama aufgefallen ist. Und wenn ich noch jetzt zuweilen das Bild meiner seligen Mama ansehe und mich dabei im Spiegel, dann finde ich diese Aehnlichkeit selbst." „Dein Haar hat auch ganz dieselbe Farbe wie das Deiner Mama," sagte Frau Maibaum. „Ihr habt meine Mama gekannt?,, fragte Viktor erstaunt. „Gekannt — näher gekannt haben wir sie nicht. — Kaum eine Viertelstunde vor ihrem Ableben haben wir sie zum ersten Mal gesehen." „Aber Ihr habt mit meiner Mama gesprochen?" „Einiges — weniges „Was?" forschte er eifrig, „worüber? — Bitte, erzählt es mir — vielleicht könnt Ihr Euch noch daran erinnern. —" „Und wenn ich hundert Jahre alt würde, das könnte ich nimmer vergessen," erwiderte Frau Maibaum. „Bitte, bitte, erzählt-es mir," drängte der Knabe. „Ich weiß so wenig von meiner Mama, Papa wird immer so traurig, wenn er von ihr spricht, daß ich glaube, es wäre unrecht, wenn ich ihn viel nach ihr frage. Aber ich möchte gerne mehr von meiner Mama wissen. — Von was hat meine Mama mit Euch gesprochen? — bitte, saget es mir. — Vielleicht von mir?" Frau Maibaum neigte bejahend das Haupt. „Du hast es errathen." „Aber was? — hat meine Mama von mir gesprochen? Zögernd sahen die beiden alten Leute einander an, während des Knaben Blicke flehend von dem Eine» zum Andern schweiften. „Wollt Ihr es mir nicht sagen?" „Doch, liebes Kind, doch," versetzte Maibaum, die Hand des Knaben knickend. „Deine liebe Mama hat gesagt —" er stockte einen Moment und als er gleich darauf fortfuhr, bebte seine Stimme vor innerer Erregung. — „Deine Mama hat gesagt — mein Kind ist als Jude geboren — es ist Jude." Ein Schrei entfuhr des Knaben Lippen, der letzte Bültstropfen wich aus seinem Angesicht. „Jude!" rief er aufspringend, „ich ein Jude!" Er preßte beide Hände auf die Brust, sein Athem ging keuchend. Die beiden Alten blickten ängstlich zu ihm hinüber. „Liebes, liebes Kind," sprach Frau Maibaum und legte wie beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. „Jude! —" mnrlnelte er, „als Jude geboren — und mein Papa sagte, ich wäre Christ!" „Dein Papa ist einige Monate nach Deiner Geburt mit seiner Familie zum Ehristenthum übergetreten" erklärte Maibaum. „Und hatte er denn dazu ein Recht?" schrie der Knabe, dessen wilde Erregtheit von Minute zn Minute sich zu steigern schien. „Nach den Staatsgesetzen hat jeder Vater das Recht zu bestimmen, in welcher Religion sein Kind erzogen werden soll. Nach jüdischem Gesetz hat keiner weder das Recht noch auch nur die Macht, sich oder sein Kind den ihm als Inden auferlegten Pflichten zu entziehen. Und darum hat nach jüdischem Gesetz selbst der offen erklärte Austritt eines Juden aus dem Judenthum nicht die Folge, daß er aufhört, Jude zu sein. Darum war es auch Deiner Mama letzte Sorge, zu erklären, daß Du Jude bist." „Also ich bin Jude!" jubelte Viktor, iudem er seine Pflegeeltern umarmte, doch gleich preßte er mit wilder Heftigkeit beide Hände an die Stirn. „Jude bin ich! — Jude! — und habe alle diese Jahre hindurch die jüdischen Gesetze übertreten!.— o mein Gott! — mein Gott! — welcher Frevel! —" Wie ein Zittern flog es durch seine Gestalt. „Liebes, gutes Kind," beschwichtigte Maibaum, „wie kannst Du von Frevel reden. Du wußtest es doch nicht, daß Du als Jude geboren bist." „Aber jetzt weiß ich es!" rief der Knabe, sich stramm aufrichtend „und wenn ich sonst verhungern müßte, nichts in der Welt wird nach bewegen, je wieder eine unerlaubte Speise zu genießen." — „Gott segne Dich, mein guter braver Junge!" und wie segnend legte der alte Mann seine Rechte auf des Knaben Haupt.

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