Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 43 (1.6.1885)
- Date
- 1885-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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701 soll, auch wenn die Langeweile cs zur Mutter ruft. Freilich ist das Kind daun lieber bei dem Fräulein als bei der Mutter, und gehorcht dem Fräulein lieber, als es der Mutter gehorcht. An Euch, Ihr jüdischen Mütter, geht mein Ruf, meine Warnung! Behütet Eure Kinder selbst, denn das Lesen im Geiste Eurer Kinder, die Spannung, mit welcher Ihr deren Entwickelung folgt, ist Eurer würdiger als das Lesen fader Romane und die Spannung, die Ihr für deren Entwickelung empfindet. Keine Mutter wird so leicht ihr Recht an das Kind anderen abtreten. Wo Rechte sind, da sind auch Pflichten, und als Muster echter Mütter, der gewissenhaften Pflichterfüllung, bietet uns unsere Geschichte, die Geschichte unseres Volkes manches hehre Beispiel. Die Mutter muß der Tochter Muster sein in jeder Hinsicht, und manche religiöse Pflicht der Frau lernt das Kind unter der Obhut der Mutter als selbstverständlich, während es im andern Falle erst auf die betr. Pflicht aufmerksam gemacht werden muß. Wie freut sich das in jüdischem Geiste erzogene Kind auf den Freitag Abend, auf das Anzünden der Lichter! Wie breitet es selbst die Händchen vor den Lichtern aus, unverständlicheWorte murmelnd! Mit welcher Andacht empfängt es den Segen der Mutter, springt cs dem aus der Synagoge heimkchrcnden Vater entgegen, der ebenfalls die Hände segnend über das Haupt des geliebten Kindes breitet! Das Mädchen, welches sieht, wie die Mutter Ehalloh nimmt, wird anch beim Spiele selbst Ehalloh nehmen, und später diese Mizwoh ganz gewiß auch nicht vergessen. Wie viel fester und sicherer wäre das echtjüdische Familienleben begründet, wenn alle israelitischen Mütter so dächten und handelten! Bis zum sechsten Lebensjahre, dem Zeitabschnitt, mit welchen! das Kind in die Schule tritt, muß die Mutter die Grundlage der jüdischen Erziehung selbst gelegt haben. Das Kind weiß und muß es wissen, daß es heiligen Stammes ist, daß die Religion, der es angehört, es nicht zu bestimmten Tagen und Stunden verlangt, sondern daß sie ein stetes Aufmerken auf ihre Gebote beansprucht: beschiftecho bewesecho nwlccht'cho waderech.nweschochbcho nwkumecho. Dein Kind hat das sechste Lebensjahr erreicht. Schon lange zuvor besprichst Du, wenn Du die Wahl unter verschiedenen Schulen hast, mit Deiner Frau, welcher Schule Ihr Euere Tochter anvertrauen wollt. Nehinen wir an, Du lebst in der Großstadt und Dir steht eine ganze Reihe, guter Schulen „höherer Töchterschulen," darunter anch jüdische höhere Töchterschulen zur Auswahl. Selbstverständlich wirst Du eine der letzteren wählen, wenn sie dasselbe leistet, lvas andere höhere Töchterschulen leisten; so erwartet man wenigstens von einem Manne, der als frommer . Jchudi lebt und darnach seine Kinder erzieht. Du wirst cs so machen; aber wie ist es in der That? Schrecklich! Man läuft in größter Eile dahin, sein Kind in einer ch r i st l i ch e n Schule anznnielden. und wenn nian Vieles erreicht, so erhält man die imaginäre Vergünstigung, daß die Mädchen am Schabos die Schule freilich besuchen müssen, aber man dispensirt sie vomSchrciben! Armer,verblendeter Vater! Glaubst Du wirklich, Dein Kind besitze eine Festigkeit int Glauben, die man vergebens bei Dir suchte Wie kannst Du ein sechsjähriges Kind solch großer Versuchung „mcchallel Schabos" zu sein, aussetzen? Hältst Du das Surrogat von wöchentlich zwei Religionsstundcn für genügend, um Deine Tochter nn Judenthum und zum Judcnthmn zu erziehen? Glaubst Du wirklich damit Deine Pflicht erfüllt zu haben, gegen den Bund der Väter, wenn Deine Tochter endlich, wenn sie der Schule entwachsen ist, Hebräisch lesen, vielleicht auch Etwas übersetzen kann? Glaubst Du das wirklich? Deine Tochter erhält sämmtlichen Unterricht in der christlichen Schule in christlichem Sinne; oder wähnst Du, Deiner Tochter, der Jüdin zu Liebe, ändere die Schule ihren Geist, der Lehrer seine Meinung? Jede Schule, die einer bestimmten Eonfession angehört, wird in diesem Geiste geleitet, und der Geist muß auf die Kinder einwirken; in der christlichen Schule herrscht der Geist des Ehristcnthnms, in der jüdischen Schule, jüdischer Geist. Begehst Du keine Sünde, wenn Du Dein Kind in eine christliche schickst, wo Dir eine jüdische Schule dasselbe, ja für das Heil Deines Kindes zehn Mal mehr bietet? Wie kannst Du Jndenthum zu ernten erwarten, wenn Tu Ehristcnthum säest? — Doch, fragst Du weiter, warum thun vernünftige Leute solche Thorheit? Ja, mein Freund, daran ist ein großer Fehler vieler Inden schuld. Es ist der Fehler der Eitelkeit. Der erste Einwnrf, den solche Leute am hiesigen Orte einem Fragenden gegenüber machen würden, ist der: der exclusiv jüdische Umgang paßt mir nicht; mein Kind wird so viele jüdische Eigenthümlichkeiten annehmcn. Armer Schwachkopf, der Du bist! Ist für Dein .Kind, das doch auch Jude ist und auch sein soll, nicht das Beste, unter seines Gleichen zu sein? Ob Du noch so reich, noch so arm bist, Du bist Jude und wirst Jude bleiben und Deine Tochter ist die Jüdin, und Ihr beide könnt stolz darauf sein, solch hohem Stamm, dessen Adel nach Jahrtausenden zählt, entsprossen zu sei«. Ob Dein Kind in der christlichen Schule in seinem innersten, heiligsten Ge-