Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1885)
- Date
- 1885-05-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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sie zur Heirath mit Nichtjüdinneu treibt. Oder liegt auch hierin eine Modethorheit, die wie jede andere an die Zeit gebunden ist. Man kann doch sonst über die jüdischen Jungfrauen nicht klagen, sie stehen den andern nicht nach an Schönheit, Geist, Sittlichkeit, Gemüth und Amnuth. Gegen Modethorheiten gibt es allerdings kein anderes Mittel als die Zeit. Im Jahre l 884 überwiegt die Zahl der Austritte ans dem Judenthnme die der Hebertritte zum Judenthnme um 195 (293 gegen ßs) nach der ansgestellten Hypothese 23 mal 195 92-10. Die Aussichten für die nächste Zukunft sind die trübsten, da das letzte Jahr die meisten Austritte auswekst, cs bleibt nur die allerdings vage Hoffnung, daß mit dieser ungeheuren Zahl der Kulminationspunkt erreicht wurde. Von den im Jahre 8-1 angeführten 203 Austritten kamen 143 auf männliche, 115 auf weibliche Personen. Dem Berufe nach gehörten 57 den höher» Ständen an (Doctoren, Professoren, Lehrer n. s. w.) dem Handelstande worunter jedoch auch Beamte 47, den Sölden 4, den Schauspielern 4, dem Handwerkerstand 5, der dienenden (5lasse 26, Schüler waren 7 darunter.*) Wir bemerken daß die Zahl der Austritte bei den höher« Ständen prävaliert. Der Grund mag wohl der sein, daß der Ehrgeiz und die Ansprüche in den höher» Ständen größer, die Hindernisse, die hier den Inden in den Weg gelegt werden, bedeutendere sind, Nebenbei beleuchtet dieser Umstand auf die grellste Weise die im Gesetze ausgesprochene Gleichberechtigung aller Eonsessionen. Wie viel fehlt noch zur vollständigen Verwirklichung dieses Gesetzes! Wir finden unter den!344 Personen, welche zum Judenthum übertraten, keinen einzigen Professor oder höher» Beamten, was der Fall sein müßte, wenn alle Eonfessionen gleich berechtigt wären. Es ist daher Täuschung oder Irreführung, wenn man den in den höher« Ständen herrschenden Jndifferentismns allein als Grund der vielen Austritte aus dem Judeuthum angibt. Wir vermögen schon aus den wenigen statistischen Angaben die drei Motive für die vielen Austritte aus dem Judeuthum zu erkennen. Ehrgeiz, Modethorheit und das Begehren unter die Haube zu kommen. Wenn die jüdischen jungen Leute ihr Herz an Nichtjüdinnen hängen, wähnen die jüdischen Mädchen nichts Besseres thun zu können, als sich von Nichtjudcn erobern zu lassen. Drastisch zeigt sich dies, wenn man die Zahlen der Aus- und Uebertritte von weiblichen Personen vergleicht. Diese *) Don den übrigen wurde der Beruf nicht angegeben. Zahlen sind beinahe gleich groß, 720 weibliche Personen treten zum Judeuthum über, 697 traten aus. Im Jahre 84 traten aus 52 ledige Männer und 50 Mädchen. Die Mehrzahl dieser Uebertritte waren zum Zwecke einer Eheschließung. Das gibt rund lOO Ehen, die eine Fahnenflucht, immerhin eine gewisse Art der Charakterlosigkeit zur Grundlage haben. Ich will gar nicht davon sprechen, wie viel ganz passende Eheli zwischen dieser 52 Männer» und 50 Mädchen hätten geschlossen werden können. Relativ leichter läßt sich noch für die ledigen Mädchen eine Entschuldigung finden. Es handelt sich bei ihnen um die Heirath und infolge der heutigen Erziehung steht diese obenan im Wunschbuche eines Mädchens. Glicht zu entschuldigen jedoch sind aber Eltern, die ihre Söhne und Töchter so erziehen, daß denselben jeder innere Halt verloren geht. Schwach, unverständig und feige sind die Eltern und sie erziehen schwache, feige unverständige Geschöpfe statt eines starken, freien, charaktervollen Geschlechtes. Groß sind beide nur in ihrem maßlosen Ehr - und Geldgeize, in ihrer unüberwindlichen Eitelkeit. Wie sich die Eltern selbst unglücklich gemacht haben, machen sie ihre Kinder unglücklich. Wie wenige Eltern denken daran, daß nicht die Kinder für sie, sondern sie für die Kinder da sind. Was Großes muß das Kind werden, damit die Ehre des Sohnes auch die Eltern überschatte, llub da pflanzen sie in frühester Jugend den Ehrgeiz, dieses Grundübel der Menschen dem jungen Gemüthe ins Herz. Kein. Vater fühlt sich glücklich, wenn der Sohn nicht wenigstens Millionär oder Baron geworden ist, die Tochter Baronin, und wer nicht selbst Minister ist, will Vater eines Ministers sein. .Keiner setzt seinen Stolz darein, Vater zufriedener Menschen zu heißen, die wenigsten haben den Muth, den Sohn Eharakterfeftigkeit zu lehren, wie wenn der zufriedene Taglöhner nicht glücklicher wäre, als der vom Ehrgeize und der Herrschsucht zerfressene gesellschaftlich hochstehende. Es kam für die Welt eine große Zeit, die Zeit der Freiheit und Erlösung der Geister. Aber die große Zeit fand an uns ein kleines Geschlecht, deshalb gingen die Hoffnungen nicht in Erfüllung. Es brach an der Tag der Arbeit für die Verherrlichung des Judenthums, aber man wollte Minister werden und ging hin und taufte sich, mau wollte den Adel erlangen und sagte sich von seinem Volke los, man wollte den Sport mitmachen und heirathete eine Nichtjüdin. Etwas mehr Beharrlichkeit hätte das jüdische Volk zeigen sollen und, in den Jahren der Herrschaft des Liberalismus wären ungetauste Inden Minister geworden, wie es in Frankreich uud