Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 25-26 (30.3.1885)
- Date
- 1885-03-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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410 „Wenn Tn groß bist, liebe» Herz; kleine Binder thun das nicht." „LH, das kann ich jetzt auch schon ganz gut," rief Viktor, sich in die Brust werfend, „sieh nur Mutter, sieh!" nnd mit amnuthiger Gewandtheit schlang er ein schwarzes Band um das blonde Lockeuköpfchen und um den Arm in derselben Weise, wie der Vater die Gebetriemeu anznlcgeu pflegte. Triumphirend blickte er auf die Mutter und daun ftolzirte er im Zimmer auf und nieder. „Ich bin schon groß, Mutter, nicht wahrich kann schon über die Häuser drüben hinübersehen und die schwarzen Bänder habe ich mir grade so umgebnndcn, wie es der Vater thnt, nnd morgen werde ich auch so etwas unter der Weste anziehcn, da werde ich nockgrößer sein, nicht wahr- Es wird doch schon fertig bi» morgen, nicht wahr, Mutter-" „Gewiß, liebe» Herz, es wird noch heute fertig, und wenn Du sehr brav bist, darfst Du es gleich morgen Früh anziehen." „£, ich werde gewiß brav sein!" rief der Kleine, Dräng zu ihr und bot ihr sein Möndchen zum Küpe. Am folgenden Morgen nahm Frau Maibanm die Toilette de» Kinde» mit einem gewissen feierlichen Ernst vor. „Werde ich jetzt das anziehen, was der Vater unter der Weste trägt-" fragte der Kleine ungeduldig. „Ja wohl, mein lieber Sohn, hier ist cs. Stecke Dein Köpfchen hindurch, und dann wirst Du beten." „Beten-" sagte Viktor, indem er das viereckige Gewand über seine Schultern zog, „ich habe schon im Bett gebetet, gleich als ich anfgewacht bin. Lieber Gott, ich danke Dir, daß ich gut geschlafen habe." „Ganz recht, liebe» Herz, kleine Kinder brauchen anch nichts Anderes zu beten, aber Du bist schon kein so ganz kleines Kind mehr, jetzt kannst Du auch noch etwa» Anderes beten." „Aber ich weiß nichts mehr — oder doch, lieber Gott, ich danke Dir für das gute Essen. — Aber ich habe doch noch gar nichts gegessen." „Setze Dein Hütchen auf, Kind, und dann will ich Dir vorsagen, was Du noch beten kannst, und Du mußt mir jedes Wort nachsprechen." Gehorsam bedeckt der Kleine sein liebliches .Köpfchen nnd blickte dann erwartungsvoll zur Mutter auf. Diese begann: „Sch'ma —" „Sch'ma —" wiederholte Viktor. „JiSroel —" „Jisroel - Aber nein!" rief er unmutlng. „das mag ich nicht beten, das verstehe ich gar nicht." „Spater wirft Du cs auch verstehen lernen," beschwichtigte die Mutter, „jetzt sprich es mir nur nach." „Ach bitte, nein!" rief er flehend. „Viktor!" sprach die Mutter ernst, „willst Dn denn nicht brav sein-" „Ich will ja brav sein," sprach er kleinlaut, „aber —" „Guten Morgen," sprach Herr Maibanm, der eben aus der Synagoge kam, „ah, unser lieber Viktor hat schon sein Arbakaufos an'?" „An hat er cs," erwiderte seine Fran seufzend, „aber denke Dir nur, Vater, er will nicht brav sein." „Was-" fragte Maibanm, sein freundliches Gesicht in ernste Fallen zwingend, „unser Viktor wollte nicht brav sein - - das hätte ich doch nimmer für möglich gehalten." Der Kleine, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, schien jeden Augenblick bereit, in Thränen auszubrechen. „Ich will wohl brav sein," stammelte er, mit mühsam verhaltenem Schluchzen, „aber das Sch'ma kann ich doch nicht beten." „Ich habe cs Dir doch vorsagen wollen," fiel Frau Maibanm ein. . „Aber ich kann cs doch nicht verstehen," schluchzte das Kind, „und wenn ich zu dem lieben Gott spreche, da kann ich doch nichts sagen, was ich nicht weiß!" Die Eltern sahen einander lächelnd an; der Vater zog den schluchzenden Knaben an sich. „Sei ruhig, liebes Kind, ich sehe wohl, daß Du gerne brav sein möchtest nnd darum will ich Dich das Sch'ma verstehen lehren, damit Du es beten kannst." „Aber erst müssen wir die Thränen abtrocknen," sprach die Mutter, indem sie mit einem weichen Tuche über die von Thränen überflutheten Wangen ihres Liebling» fuhr, und dann einen innigen Kuß auf seine Stirn drückte. „Nun wird der Later Dich das Sch'ma lehren, und ich werde indessen das Frühstück zurecht machen." Sie verließ das Zimmer; Herr Maibanm hob da» Kind auf feine Kniee und begann: „Sch'ma Jisroel heißt: Höre Jisrael, Gott unser Gott, ist einzig. Jisrael, so heißen wir Juden, und lvenn wir also das Sch'ma beten, so sagen wir damit uns und allen Juden, daß es nur einen einzigen Gott gibt, der Alles erschaffen hat, alle Menschen, alle Thierc, alle Pflanzen, kurz die ganze Erde nnd den Himmel anch und die schöne Sonne und den Mond nnd die Sterne anch. Alles, was ist, hat der eine,' einzige Gott gemacht. Und