Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 23 (23.3.1885)
- Date
- 1885-03-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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386 Hereltel. Eine C'rjäfyhutg von Friedrich R? „i^ait kann sie nicht mehr sehen, der Nebel ist allzndicht," sprach Frau Maibanm seufzend, indem sie von dent Fenster des Waggons, an dem sie bisher gelehnt, zurücktrat. „So will ich das Fenster schließen," entgegnete ihr Gatte, „der Nebel könnte Deiner Gesundheit schaden." „Er ist furchtbar dicht," wiederholte die Frau, zu dem Fenster hinansblickcnd, das ihr Gatte hinausgeschobcn hatte; „man sieht nicht drei schritt weit. Wenn in solcher Finsternis; uns nur kein llnglück widerfährt, kein Zusammenstoß, keine Entgleisung —" „Wie Du so ängstlich bist," lachte Herr Maibanm, indeut er sich 511 ihr setzte und wie schützend seinen Arm um ihre Taille legte. „Alte, Alte, was ficht Dich an? Das Fürchten und Zagen ist doch sonst nicht Deine Manier. ES ist. auch wohl mehr der Abschied von unfern mindern und Enkeln, der Dich heute so trübe stimmt. Ich wette, wenn die kleinen Leutchen hier jetzt um Dich herumkrabbeln würden, Deine Furcht wäre rasch verschwunden. Habe ich Recht?" „Nein! nein!" erwiderte seine Fran fast heftig, „ich danke Gott, daß keilles von den Kindern bei nnS ist; in ihrem traulichen Heim, uftiß ich sic wenigstens sicher." Herr Maibanm schüttelte den Kopf. „Sicher — Entweder wären sie hier ebenso sicher wie daheim, oder sie sind daheim eben so wenig sicher wie hier." „Ich dachte doch " „Daß sie nnd wir überall, ob zu Hanse oder auf der Reise, in Gottes Hand, unter Seinem Schutz uns befinden." „Und Du glaubst, ich hätte daran gezweifelt?" Sie blickte lächelnd zu ihm aus. „Das glaube ich freilich nicht," entgegnete er, „aber Deine seltsame Augst —" „Du hast vernmthlich doch Recht," crwicderte sie, indem fie das Haupt au seine Schltlter lehnte, „es mag der Abschied von unser» Lieben sein, der mich heute Alles schwarz sehen läßt." „Der Abschied irnd der Nebel," lachte der Mann. „Doch laß' uns nnn Tesillas Haderech sprechen: cs gibt kein besseres Mittel, Angst und Sorgen zu vertreiben." Er zog bei diesen Worten ein Gebetbuch ans der Tasche nnd beide sprachen voll Andacht das Gebet. Als sie geendet, schwiegen Beide, er hielt ihre .Hand, nnd mit inniger Gcnngthnnng gewahrte er bald, das; ihr vorhin so hastig erregter Athcm ruhig, gleichmäßig ward, daß ihre Angen sich schlossen, daß sie entschlmnmert. „Armes Weib," flüsterte er in sich hinein, indenl er liebevoll zn ihr hernieder blickte, „verdenken kann ich's ihr nicht, daß ihr heute das Herz so schwer ist. Haben da vier Wochen verbracht in unaufhörlichen, hellen Freuden, in fröhlichem Trubel, nnd müssen nnn wieder heim in unser altes Neu, in dem wir uns mit Gottes Hilfe zwar auch bald wieder behaglich fühlen werden, das uns jedoch in den ersten Tagen recht öde Vorkommen wird. - Und mit dem Nebel hat sie auch nicht gar so ttnrccht, meine gute Alte — cs ist in der That eine Finsternis;, die man tasten könnte. — Doch wir sind in Gottes Hand, hier so gut wie daheim in nnscrn vier Pfählen. Und was uns treffen sollte, würde uns dort so gut treffen wie hier, und wovon wir verschont bleiben sollen, davon werden wir hier eben so sicher verschont bleiben, als wären nur in nnsernl sogenannten sichern Heim." Auch seine Augen schlossen sich wider seinen Willen. „Alls Deine Hilfe hoffe ich, mein Gott!" murmelte er, als läge er daheim in seinem Bette. „Ich hoffe, mein Gott, auf Deine Hilfe! — mein Gott, ans Deine Hilfe hoffe ich!" Weiter, immer weiter brauste der Zug dahin biird) die unheimlich düstere flacht. Kein Stern erhellte das Firmament, der Nebel war so dicht, daß man die Lichter in den Wächterhäuschen, an denen man vorüberfuhr, kaum wahrzunehmen vermochte. — Der Nebel war so dicht, daß der Zugführer nicht gewahrte, daß ans demselben Geleise ein zweiter Zug dem ersten entgegcnrollte. — Erst in unmittelbarer Nähe, kaum einen Augenblick vor dem entscheidenden Momente, erkannten die Führer auf beiden Zügelt die furchtbar drohende Gefahr. Beide Führer versuchten zn breinseu, doch zu spät. Der Zusammenstoß erfolgte — ein furchtbarer Krach, vermischt mit dem Wehgeschrei von mehreren Hundert Mensche». — Das Krachen hörte auf, mehrere Waggons waren zertrünlinert — doch das grauenvolle Jammern dauerte fort — Heizer und Zugführer auf beiden Zügen waren sofort zermalmt, luld wie Viele von den Passagieren!