Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 23 (23.3.1885)
- Date
- 1885-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Insassen der letzten Waggons waren nnverletzt geblieben, unter ihnen das Ehepaar, deffen wir vorhin erwähnt. Alle eilen instinktiv, die Waggons zu verlassen, sich selbst zu retten und womöglich den Verunglückten beizustehen. Mit seltener (Geistesgegenwart hatten die Uebcrlebeuden des Dienstpersonals möglichst rasch einige Fackeln angezündet, doch diese gewährten sehr ungenügende Helle und steigerten womöglich, das grauenvolle des Anblickes — Todte, Sterbende Verwundete lagen zwischen den Trümmern und auch aus dem Innern mehrerer nicht vollständig zertrümmerter Waggons drang Aechzen, Wimmern und Wehgeschrei. Doch es ist nicht unsere Absicht, das entsetzliche Bild in allen seinen Einzelheiten hier zu schildern. Halten wir uns zu denen, die vor dem Ausbruch der Katastrophe unser Interesse erregt. Herr Maibaum hatte den Arm um seine Gatttin geschlungen, die vor Entsetzen fast gelähmt, dem Anscheine nach halb bewußtlos an seiner Seite einher schwankte. Plötzlich blieb sie stehen. „Horch!" rief sie, mit der Hand ans die Trümmer deutend, „dort schreit ein Kind! Großer Gott! zwischen all' den Trümmern —" „Ich führe Dich zu jener Telegraphenftange," sprach Herr Maibaum rasch, „lehne Dich dagegen, ich eile inzwischen, den Verunglückten zu helfen." „Ich bedarf keiner Stütze," versetzte sie, indem sie sich hastig seinem Arme entwand und, wie es schien, ohne Anstrengung an seiner Seite der Unglücksstätte wieder zueilte. Sie hatten den zertrümmerten Waggon erreicht, ans dem Frau Maibanm den Schrei eines Kindes vernommen zu haben glaubte, als ein Bahnbediensteter mit einer Fackel in der Hand vorüber eilte. „Was suchen Sie dort?" rief er, „jener Waggon war leer. Kommen Sie hinüber auf die andere Seite; drüben braucht man Hilfe." „Hier auch," rief Frau Maibanm, „ein Kind liegt zwischen de» Trümmern, wir hörten es schreien." „Nicht möglich" erwiderte der Mann; dennoch trat er näher nnd ließ den Schein seiner Fackel auf die bezeichnete Stelle fallen. In demselben Momente vernahm man abermals den gellenden Schrei eines Kindes. „Herr Gott! Sie haben Recht! — Und die Eonducteure haben behauptet, in dem ganzen Waggon wäre kein Mensch gewesen." „Kommen Sie!" rief Maibaum, „geben Sie meiner Frau die Fackel und helfen Sie mir, diesen Balken abheben, dann dringen wir leicht in das Innere." Der Fackelträger that, wie ihm geheißen. Frau Maibaum hob die Fackel, nnd mit Aufbietung all . ihrer Kräfte gelang es den Männern, den erwähnten Balken zu beseitigen nnd einen Theil des geborstenen Wagendaches zn entfernen. Das Kindergeschrek, das einige Minuten verstummt war, ward jetzt wieder lauter. „Gottlob!" sprach Frau Maibanm, „dem kleinen Schreier da drinnen ist nichts Erstes widerfahren, das erkennt man an seinem Geschrei." „Kommen Sie näher mit der Leuchte," bat der Mann, „dann werde ich Ihnen das Kind herausreichen. — Ah, da ist es schon," fügte er hinzu, indem er sich nicderbeugte und ein kleines Kind emporhob. Es blickte den fremden Mann verwundert an, war aber sofort ruhig. Frau Maibanm nahm es hastig an sich und drückte es an ihre Brust. „Aber ein so kleines Kind kann nicht allein hier gewesen sein, wenigstens die Wärterin muß noch drinnen sein." „Freilich, freilich" stimmte ihr Gatte bei, indem er die Fackel nahm nnd in das Innere des Waggons hineinlcuchtete. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr seinen Lippen, eine bintiiberfti'ömte «^raiien» gestalt lag am Boden, ein Theil des eingestürtzten Plafonds auf ihrer Brust. „Es ist eine Leiche," sprach der Bahnbeamte. Maibaum schüttelte den Kopf. „Noch ist das Leben nicht entflohen, machen wir vor allem ihre Brust frei. — Nasch wandte er sich er ausckne Frau, „mache Dich stark, Du mußt Entsetzliches schauen. Nimm die Fackel wieder und leuchte, vielleicht gelingt es, die Verunglückte zu retten. Frau Maibanm, das Kind in dem einen Arm, preßte die Lippen fest allfeinander, als köllne sie dadurch jeder nicht zeitgemäßen Schwäche Vorbeuge«; dann ergriff sie die Fackel und leuchtete in der ihr angegebenen Weise. Mil ungeheurer Anstrengung und größter Vorsicht hoben die Männer die schwere Last von der Brust der Verwundeten; beide glaubten dann ein schwaches Aechzen zu vernehmen. „Einen Arzt!" ries Frau Maibaum, „ist kein Arzt in der Nähe?" „Drüben auf der andern Seite sind zwei Aerzte", versetzte der Bahnbeamte, „ich eile hinüber, einen zu bewegen, daß er nach der Unglückliche» sieht." Der Mann eilte davon, Herr nnd Frau Maibanm blieben bei der Verunglückten. Frau Mai-