Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1885)
- Date
- 1885-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dieser Monat jci (5'inl) der XHitfniig der Monate." Das E n d e einer Leidenszcit ist immer leichter bezeichnen, als der Anfang glücklicher Tage. In dem gewaltigen Schmerz harter Leiden, da man immer mir das Ende derselben herbcischnt, da merkt man oft nicht ans die ersten Anzeichen des erwachenden Freiheilsmorgens und wird plötzlich überrascht nnd kann sich kanm hineinfindcn in den raschen Wechsel nnd nncrwartetcn Umschwung seiner Lage, steht verwirrt nnd stannend da nnd srent sich, wenn man schließlich znm vollen Erwachen kommt nnd sicht, daß es kein Traum ist. Und nun weiß man, die Zeit des Unglücks ist vorüber, das (5n d e der Leiden ist da. Wann aber hat die Freiheit angcfangen nnd wodurch wurde sie hcrbeigeführt? Da vergehen oft Jahrhunderte, bis man sich endlich diese Frage vorlegt und dann mühsam die Geschichte stndirt, nm darin die Ursachen, die oft tief verborgen liegen, zn erforschen. Wer aber so verfährt, daß er nicht das erste Wehen der Freiheitsluft verspürt, der hat die Knechtschaft nicht so hart cmpfnnden und daher auch nicht so recht den Befreinngsmoment begriffen nnd gefühlt. Dann hat aber auch die erlangte Freiheit für ihn nicht den eigentlichen Werth, da er ihre große Bedeutung nicht voll erfaßt. Israel aber sollte, da seine ganze Zukunft durch seine Freiheit ans egyptischer Sklaverei begründet, für alle Seiten normirt nnd geregelt werden sollte, klar nnd deutlich den Anfang seiner Freiheit kennen, denn nur dann wird seine Zukunft diesem Anfang entsprechend sein. _ Für Biele unserer Brüder scheint aber dieser Anfang unserer Freiheit, Ursache nnd Zweck derselben in Dunkel gehüllt. Wohl haben sie gehört von egyptischer harter.Knechtschaft, von der Befreiung ans derselben, von einem Wüstenznge, einer Dsfcnbarnng am Sinai, von der Eroberung Palästinas, von dem einstigen Bolke nnd Reiche Israels dort und der schließlkchen Zerstreuung dieses Volkes unter allen Rationen der Erde und der Auflösung jenes Reiches; aber, daß sie jemals der Mühe werth gefnudeii hätten, sich dafür mehr zu intcressircn, das Alles etwas genauer kennen zu lernen; daß sie das Alles, indem sie sich mit diesem Abschnitt der Geschichte der Menschheit näher und eingehender befaßten, eigentlich auch miterlebt, oder auch nur mit unseren Vorfahren gefühlt nnd empfunden; daß sie Auge und Herz, Gefühl und Verständnis; dafür gehabt hätten; daß sie, um es kurz zu sagen, sich als Angehörige, als Nachkommen, als Erben dieses Volkes betrachtet hätten, das lag ihnen sehr ferne. Dürfen wir uns wundern, wenn diese Leute nicht die Erhalter und Bewahrer, nicht die Schützer und Mehrer dieser vor Jahrtausenden erlangten Freiheit ihres Volkes sind, da sie den Anfang nicht kennen, nicht verstehen? Können wir uns da so sehr wundern, daß sic, im Gegcnthcil, die Zerstörer nnd Feinde dieser Freiheit sind und sie auf alle mögliche Weise zu untergraben suchen?! Wo wir nur geistige Freiheit erblicken, da finden sie nichts anderes als körperliche Beschränkung. Sie sehen in dieser Freiheit nnd in den; durch dieselbe erfolgten Bündniß mit Gott, unserem Befreier aus Egypten nichts weiter, als die jede menschliche Freiheit beengenden und beschränkenden Gesetze. Eine Beraub ung der Freiheit, eine B e sch ran tun g des freien ungehinderten Handelns und WollenS ist ihnen unser Gesetz, wo wir nnS erquicken an dieser reinen Gcistesfreiheit: wo wir im Genüsse dieses hohen Gutes kaum noch die Schranken im sinnlichen Genüsse als Schranken fühlen; wo wir im Erfassen und Vollführen unserer schönen Aufgabe ganz darüber hinwegsehen, daß die nun einmal nothwendigen Gesetze uns im Genüsse etwas hindern. Wenn alle Israeliten so kleinlich denken würden, wenn sie immer nach den uns nun einmal verbotencn Fleischtöpfen Egyptens znrückschauen nnd sich znrücksehncn würden und den danebenstehenden Sclaventrcibcr mit seiner Peische ganz übersehen, dam; Hütte Israel keine Zukunft, dann wäre es nuferem Volle schon längst ergangen, wie jenem Geschlechtc in der Wüste. Aber es ist und war nicht Jedermanns Sache nur in der Pflege des Körpers die große Aufgabe des Menschenlebens nnd der Menschheit zu erblicken, sondern Viele gab es doch immer unter nnfcrem Volke, die etwas höher blickten, die ein etwas höheres Streben kannten, die sich sagten, die Pflege des Geistes ist die einzige wahre Aufgabe, ist die Fortführung jenes Anfangs der Freiheit; sic sahen im Monat Nissan den Hauptmonat des jüdischen Jahres, an Bedeutung nnd Wichtigkeit alle übrigen Monate übetreffend, nicht sowohl durch das Fest, das wir in diesem Monate feiern, da wir ja noch andere Feste haben, gerade so schön nnd erhebend, ja, für'S Menschenhcrz von weit größeren! Einflüsse, sondern wegen des an ihm beginnenden, an ihm sich alljährlich neubelebenden und erhebenden jüdischen Volkslebens, dieses jüdischen Volkslebens, das so eigenartig, so fremd nnd verschieden von dem anderer Völker, indem eS, nnbckünnncrt nm die höchsten Fragen, die von anderen Nationen über Menschenzwcck und Menschendasein, über Natur und Schöpfung ausgestellt werden nnd die oft so erschütternde, alle Grnndsänlen