Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1885)
- Date
- 1885-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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schaft zufammcnsctzt, gcivouucu und damit cm Fortschritt auf der Lahn der Menschenwürde erzielt ist. Wenn mm gar ein solches, soeben der Tyrannei und Knechtschaft entronnene Volk, sich an die höchste Ausgabe des Menschengeschlechtes mit ganzer Kraft heranwagt; wenn es in sitllichreligiöser Beziehung für alle kommenden Geschlechter aus Jahrhunderte und Jahrtausende mnstergiltig vorangeht und ncugeftaltcnd und nmbildend in der höchsten Aufgabe, in den höchsten, die ganze Menschheit tiefbcwegcnden und ihr auf große Zeiträume Richtung gebende fragen gewaltig eingreift; wenn cs. das so eben seine Ketten gebrochen, auch sofort darangeht, die Ketten, mit denen die ganze Menschheit an den finstern und den Menschengein beengenden Götzendienst gekettet, zu sprengen und gewaltig rüttelt an seit Jahrtausende herrschenden Anschauungen; wenn das schwache Volk, dessen Glieder noch schwach und gelahutt von den Jahrhunderte lang getragenen schweren Fesseln, mit aller Energie den Kampf anfzunehmen wagt gegen den so weit verbreiteten und so lief eingewurzelten Götzendienst, dem alle damaligen Völker ohne Ausnahme sich hingegcbcn: dann sollen wir einem solchen Volke nicht nur unsere Sympathien cntgegenbringen, cö nicht nur in der Reihe der Völker mit Freuden empfangen und ihm zu seiner Befreiung Glück wünschen, sondern wir müssen ihm höchste Achtung und Bewunderung zollen. Die Geschichte eines solchen Volkes muß eine merkwürdige, wunderbare, sein Geschick groß und erhaben sein. Leine ganze Geschichte muß sich nach dem ersten bedeutenden Momente, da cs einlritt in der Völker Reihe, da cs cingreift in die Weltgeschichte, bilden und fortsetzen; muß, wenn cs sich vollbewußt war seines hohen Berufes, ans dem ersten Schritt bis zur Gcsammtcnrwickclnng sich gestalten. Wer daher die Geschichte des jüdischen Volkes begreifen, wer dieses Volk verstehen und kennen lernen will, der muß erst diesen Schritt richtig erfassen und würdigen, darf nie den Faden ' verlieren, sondern muß unverrückt und fest den Anfang nn Auge behalten. Und dieses Volk selbst, darf, wenn es seine Aufgabe zu Ende führen will, wenn es das Ziel, das cs sich gesteckt, glücklich zu erreichen hofft, gewiß am allerwenigsten den Beginn seiner Wanderung durch die Zeiten, den ersten Schritt iu's Leben und die Ursache desselben außer Augen lassen. Wer eine so große, hehre Aufgabe, ein solches Wagestück unternommen, für alle Zeiten der Menschheit vorauschreiten, ihr als Führer und Lehrer dienen zu wollen, der muß sich zu allen Zeiten auf der Höhe seiner Ausgabe befinden, muß vor Allem selbst immer groß und erhaben als leuchtendes Beispiel dastehen. Und darum ergeht als erst.s Gebot Gottes an das Volk Israel der Ruf: „Dieser Monat sei Euch das Haupt der Monate." Der Monat, der uns von Knechtschaft zur Freiheit, von Finsterniß zum Lichte, und das zum reinen hehren Lichte der Gotteserkcuntuiß gebracht hat, der muß für uns der bedeutungsvollste sein für alle Zeiten. Es ist ja nicht nur das Erwachen unseres Frühlings als Volk, als freies Volk, cs ist vielmehr das Erwachen unseres Geistesfrühlings, das wir mit diesem Befreinngsmonat feiern sollen, und das wir nicht blos im Wonnegefühle des abgcschntrelten Joches init Freuden begrüßen, sondern im Bewußtsein des für alle Zukunft erlangten, höchsten Gutes. Fast alle Völker und Rationen haben in ihrer Geschichte ein ähnliches Moment verzeichnet; sie alle feiern den Augenblick ihrer erlangten Selbstständigkeit, ihrer Befreiung aus Abhängigkeit von anderen mächtigeren Rationen. A ehn l i che Beispiele zählt uns die Geschichte wohl ans, aber ein ganz gleiches Beispiel nicht, ein Beispiel davon, daß ein anderes Volk zugleich mit seiner erlangten, körperlichen Freiheit, auch die geistige Freiheit in so hohem vollendetem Grade wie das jüdische Volk erreicht hätte. Wenn wir auch inmitten dieser Völker ihr Befreiungsfest mitfeiern, uns mit ihnen freuen, weil wir vielleicht Thcil genommen an der Erlangung dieser Freiheit, oder weit wir ja auch diese Freiheit mitgcuießcn; so dürfen wir dennoch nicht vergessen, auch unser Frcihcitsfcft zu feiern. Und wenn wir sogar der Freiheit goldene Früchte nicht mitgenießen, wenn man uns, im Gcgentheile, die Freiheit zu verkümmern sucht, so dürfen wir dennoch es nicht unterlassen, unsere einstige Befreiung ans Egypten zn feiern. Denn die damals erlangte Freiheit kann uns nimmermehr, wie ja nufere Geschichte beweist, entrissen werden. Tic Erinnerung und die Feier wichtiger Begebenheiten besteht nu» aber nicht darin, daß wir kn Freude und Jubel sie begehen, denn das wäre keine sonderliche Feier; das wäre noch kein Beweis, daß wir mit vollem Verständnis; diesen Moment uns vergegenwärtigen. Die eigentlich und einzig wahre Feier besteht darin, daß wir im Sinne jener großen Zeit handeln, daß wir das damals begonnene Befreinngswerk fortseven, daß wir in dem damaligen Auszug ans Egypten nicht das Ende der Knechtschaft, sondern hauptsächlich den A »fang der Freiheit erblicken und die Aufgabe erkennen, weiter zn wirken und zn schaffen im Sinne dieser Freiheit.