Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 19 (9.3.1885)
- Date
- 1885-03-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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315 feilt Gehcimniß. Der Talmud wird an den Universitäten von Paris, Cambridge, Berlin und Leipzig von christlichen Professoren vorgetragcn, die jedoch darin kein einziges jener Dogmen fanden, die von den Herren antisemitischen Talmudisten hier gewöhnlich verlesen werden. (Rufe der Antisemiten: Eisenmenger, Rohling!) Diese wurden von jenen Professoren als Fälscher erklärt. Es ist also nicht nöthig, die seit Jahrtausenden bekannten Dogmen neuerdings vorzulegcn, und der Abgeordnete Ehorin hat gestern auch nicht von der Vorlegung der Dogmen, sondern von der Kirchenorganisatiön gesprochen, die allerdings cingereicht, allein vom Abgeordnetcnhause mit der Motivirnng, das; man keinen Gewissenszwang ansüben könne, nicht genehmigt wurde. Ob nun diese Auffassung richtig war oder nicht, so sind doch die Juden am allerwenigsten schuld daran, das; ihre Kirche keine Landes-Organisation hat. Der Abgeordnete Beress sagte, die Juden seien einer Vertretung im Oberhause nicht würdig, weil ihre Unterrichtsangelegenhciten nicht geregelt, daß sic hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder geizig sind und das; sie ihre Kinder ans Kosten der christlichen .Konfessionen erziehen lassen. Ich hätte jeden anderen Vorwurf eher erwartet, als diesen. Eben Sic bringen cs ja oft als eine Hanptbeschuldigung vor, daß die Juden ihre Kinder sehr eingehend unterrichten lassen. Ist aber der Vorwurf des Abgeordneten Beress begründet *? Betrachten wir zunächst die Volksschulen. Die Jahresberichte des Uutcrrichtsnnnisters bieten glaubwürdige Daten und ich kann zuversichtlich behaupten, daß unter den konfessionellen Schullehrern eben die jüdischen am besten gezahlt sind, daß bei den Inden auf einen Lehrer und einen Lehrsaal im Verhältniß zu den übrigen konfessionellen Schulen die wenigsten Schüler entfallen. Dies beweist also durchaus nicht, das; die Juden hinsichtlich ihrer Schulen geizig sind, wo sie überhaupt Schulen haben, denn leider können sie, weil sie zerstreut wohnen und arm sind, namentlich in den nördlichen Komitaten, nicht überall Schulen errichten. Hinsichtlich der Unterrichtssprache sehen wir, daß unter den jüdischen Schulen 68 Perzent rein ungarisch sind, bei den Katholiken nur 56, bei den Evangelischen nur 21 */s Perzent. Daher kommt es auch, daß hier in Budapest, wo nach der Behauptung Vieler die Juden das Deutschthum aufrechterhalten, die ungarische Sprache nächst den Kalvinern bei den Juden am besten gepflegt wird; denn während von den in Budapest gebürtigten Juden 79 Perzent ungarisch sprechen, sind es bei den Kalvinern 77 Perzent, bei den Katholiken 67 Perzent. Diese Daten sind ans den Ergebnissen der letzten Volkszählung geschöpft. Auf dem Gebiete des Volksuntcrrichtes ist also die Anklage, daß die Juden ihre Lehrer mittelst Minuendolkzitation anstellen und sie schlecht behandeln, unbegründet. Gehen wir nun zu den Mittelschulen über. Die Juden haben allerdings keine Mittelschulen; aber gleichwie dies kulturgeschichtlich leicht zu erklären ist, kann ».$ den Inden nicht als Fehler, dem allgemeinen Interesse nicht als Rachthcil angerechnet werden. Die Katholiken haben ihre Mittelschulen, weil sic im Wege der Donation die für Schulzwecke bestimmten Stiftungen erhalten haben. Bei den Protestanten verhält sich die Sache einigermaßen anders; bei ihnen haben sich die Schulen mit der kirchlichen Organisation zusammen entwickelt. In den großen Kämpfen um die freie Ausübung ihrer Religio» waren die Schulen ebenso viele Rüstkammern der Protestanten, aus welchen sic ihre geistigen Waffen holten und ohne welche der Protestantismus selbst in Trümmer zerfallen wäre. Die Inden waren nicht in solcher Lage. Sie hatten keine religiösen Kämpfe, sondern wurden individuell verfolgt. So kam cs, das; die Juden nicht' daraus hingewiesen waren, besondere konfessionelle Gymnasien zu gründen. In den letzten Dezennien allerdings besuchen die jüdischen Kinder schon häufiger die konfessionellen und staatlichen Mittelschulen; es ist denn auch unter den Inden und in den Kreisen der Regierung die Frage aufgetaucht, ob es nicht zweckmäßig wäre in Budapest ein jüdisches Gnmnasinm zu errichten. Ja, der Herr Cultus- Minister hat den ersten Schritt in dieser Richtung im Jahre 1980 gethan und hat aus dem israelitischen Schulsond ein Gymnasium errichtet, dessen erste Klasse auch eröffnet wurde. Als aber die Sache im Hause zur Sprache kam, hat insbesondere der verewigte Abgeordnete Alädar Molnar sich gegen dieses Gymnasium ausgesprochen, indem er betonte, das; wir eher danach streben sollen, die ans der Vergangenheit herübcrgcnommcucn konfessionellen Schulen anfzulassen oder doch dieselben ihres konfessionellen Eharakters zu entkleiden, als den von der Vergangenheit ererbten Fehler des konfessionellen Gymnasiums noch fortznsetzen. Und, weil die Stimmung des HanseS sich dieser Ansicht zuneigte, hat der Minister dieses Gymnasium aufgelöst. Und ich glaube auch jetzt, daß Derjenige nicht patriotisch handelt, der den Separatismus in der Erziehung fördert. Als Beleg dafür, wie wenig die Errichtung eines besonderen jüdischen Gymnasiums an der Opferwilligkeit der Inden scheitert und wie sehr die Anklage unbegründet ist, daß die