Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1885)
- Date
- 1885-03-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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303 Kindes schämen!" Wohl kann man so fragen, und diese Frage ruft noch andere hervor. Wie kann man erwarten, das; Kinder gerade und logisch denken lernen, wenn sie sehen, daß die Lehrer'augenscheinliche Thatsachen als nicht bestehend betrachten sollen? Wie können wir christlichen Schülern Achtung einflößen für ihre jüdischen Mitschüler, wenn sie sehen, daß diese schon in der Kinderstube gelehrt werden, sich ihrer Gesichtszügc zu schämen, weil diese zeigen, daß sie von ihren eigenen Großmüttern herstammen? Wie soll man unter anderen Völkern Achtung für Familien-Bande aufrecht erhalten, wenn die Rasse, welche wir von jeher als den anerkannten Zeugen und Hüter der Familicnliebe gilt und ihre gesellschaftliche Ethik auf das fünfte Gebot gründet, selbst ihren eigenen Vorfahren untren wird? Und wie kann religiöse Duldung in unseren Schulen gelehrt werden, wenn man den Geist der Kinder verwirrt durch unwahres Glaubenmachen, daß mau religiöse Unterschiede nicht beachtet? Dies sind ernste Fragen, welche alle Freunde einer wahrhaften Erziehung sich überlegen sollten. Für meinen Dhcil. wenn ich die Leiterin einer Erziehungsanstalt wäre, so würde ich nur solche Kinder davon ausschließen, die zu Hause gelehrt werden, sich ihres Ursprunges zu schämen. Gelehrte iuil> fromme (5husten haben mir bewiesen, der bedeutendste Faktor im moralischen Leben der Menschheit sei das beständige Zeugniß, welches das Judenthnm ablegt für die Einheit der Wahrheit. Schon seit mehr'als 30 Jahren haben Ehristen cs sehr ernstlich gewünscht, religiöse Einigkeit und gediegene National-Erziehung zu gründen, nicht auf die erkünstelte Gleichheit, die durch Parlamcntsakte hervorgcbracht wird , sondern ans eine herzliche Anerkennung der Mission Israels unter den Völkern. Unser Unternehmen ist nid)t weniger ernst gemeint, weil wir im Stillen arbeiten, keine Beiträge sammeln, keine öffentlichen Anzeigen machen, keine Manifeste erlassen und bloß unseren persönlichen Einfluß geltend machen, wo wir dazu Gelegenheit haben. Unsere Lage ist dabei keine leichte; in England in mancher Beziehung oft schwieriger, als die der Juden selbst. Aber wessen Herz einmal gewonnen ist für die Sache Israels, der ist gestählt gegen Entmuthigung von außen. Was auch seine Glaubensgenosse» sagen mögen, sei es im Acrger, oder im Spott, macht keinen Eindruck, denn er weiß, daß die Spötter einfach nicht verstehen, was sie reden. Aber wenn sie Juden nus Vorhalten, die selbst ihrer Sache untreu geworden sind, dann entfällt uns manchmal der Mnth. — Aber eS muß eingcftanden werden, diejenigen, welche in erster Linie schuld sind an dem Uebcl, gegen welches wir hier anftretcn, sind nicht die Inden selbst. Jahrhunderte der Unterjochung und llngerechtigkeit haben Viele irre geführt und ihre Selbstachtung unterdrückt, aber es giebt kaum Worte genügend, um auszndrückcn, wie sehr viele Ehristen die große Mehrzahl verehren, die in jedem 'Zeitalter sich selbst treu geblieben ist, und wie bitter sic cs empfinden, daß ihre Seite die Schuld trägt für die Untreue der Minderzahl. Doch ist jetzt nicht die Frage, wer schuld ist an der Vergangenheit, sondern was zu thnn ist für die Zukunft. Ich habe lange mit großer Aufmerksamkeit die Stellung stndirt, welche das englische Volk cinnimmt, sowohl gegen die Inden in persönlicher Beziehung, wie auch'in Betreff der Doktrine der Einheit , für welche sie die natürlichen Hüter sind, und ich erlaube mir hier nochmals den Rath zu wiederholen, den ich ihren Lehrern vor einigen Wochen gab: „Mögen würdige und gläubige Inden etwas von ihrer Zurückhaltung abschüttcln und uns zeigen, was sic uns zu lehren haben, und mögen alle Inden aller Klassen einen so ehrenhaften Stolz für die Traditionen ihrer Vorfahren in sich nähren, das; ihre Kinder nicht versucht werden, sich deren zu schämen oder ihrem Glauben untren zn werden." — Zeitnttgsnachrichtcn und Correspottdeirzcn. Oestcrr.-Ungar. Monarchic. Pesch, 27. Februar. Im Abgeordnetcnhansc gab cs heute interessante Abstimmung über jene Alinea des ^cscöentiVllrseS, betreffend die Reform des Oberhauses, welches die Vertretung der jüdischen Eoufcssion normirt. Helft) erklärte, es gäbe Viele, die für das Prineip der Vertretung der Inden seien, ohne jedoch mit dem im Parapraph enthaltenen Modus einverstanden zn sein. Man müßte daher vor Allem über das Prineip abstimmen, damit auch Jene mit „Ja" stimmen könnten, die gegen die Fassung des Paragraphs sind. Der Tiseussion, die sich hierüber entspann, machte schließlich Minister-Präsident Tisza mit dem Vorschläge ein Ende, man solle daher darüber stimmen, ob ein weltlicher oder geistlicher israelitischer Gemeindevorstand ins Oberhaus kommen solle, und dann, ob dieses Mitglied auf dem Wege der Ernennung oder Wahl dahin gelangen solle. Da von 35 Abgeordneten, unter welchen außer den Antisemiten auch Vertreter der beiden Oppositionen in entsprechender Anzahl sich befanden, eine namentliche Abstimmung