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Der Israelit · 1885-03-05 · Heft 18 (5.3.1885) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 18 (5.3.1885)
Date
1885-03-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ist. Gemischte Schuten werden eine Gefahr für den Glauben aller Parteien, wenn die Kinder der lUhiorität nicht behandelt werden wie werthe Gäste, Besuchende ans einem fernen Gedanken-Lande, welche die Majorität durch ihre andcrseitige (Erfahrung belehren können. „Vergeht nicht, fremden Gastsreundschaft zu erzeigen, denn dadurch hat Mancher schon einen göttlichen Boten bewirthct," und „Lerne den Glauben Anderer verstehen," sind Vorschriften, die immer dem Geiste der Lehrerin einer gemischten Schule gegenwärtig fein sollten. Sie soll die religiöse Verschiedenheit nicht unbeachtet lassen, sondern versuchen, Nutzen daraus zu ziehen. Eine kluge protestantische Lehrerin, die Geschichte oder Literatur vorträgt in einer Klasse, die meistens aus Protestanten besteht, kann viel Gutes wirken, wenn sie sich manchmal an eine Katholikin oder Jüdin ivendet, und sich von ihr einen Punkt erklären lägt, der tradttionelle Gebräuche betrifft, nm so den Schülerinnen zu zeigen, dag sie sich gern belehren lässt von Denen, deren Heranbildung verschieden war von ihrer eignen. Wenn zwei Schülerinnen verschiedener Konfession gemeinschaftlich sich eines großen Fehlers schuldig machen, wie z. B. absichtliche Täuschung, oder großen Eigennutzes, könnte die Lehrerin ihrer eigenen Glaubensgenossin einen scharfen Verweis geben, und die Andere fragen, was wohl ihr Religiouslchrer sagen wurde, wenn er von dem Vorfall hörte. Oder bei sehr wichtigen Fällen könnte die Vorsteherin die verschiedenen geistliche» Oberhäupter ersuchen, den Schülern ihrer Konfession Ermahnungs-Briefe zu schreiben, und diese konnten dann laut in Gegenwart aller Schüler vorgelesen werden. Die llebereinstimmnug des Tadels, gegründet ans. dieselben Beweggründe/ wenn auch in verschiedener Rede ansgedrückt, macht großen Gindruck auf das junge Gemnth, und hilft den Gedanken bestärke»!, daß Religio» sich nicht in einigen Phrasen zusammeuseven und damit abmachen läßt, sondern ein Zcngniß ist für den, der über alle Rede erhaben ist, und der ans Seiner nnerfaßlichen Höhe Mittel findet, alles Unrecht zn richten. Natürlich sollte Feine Lehrerin einen solchen Versuch machen, bis sie Erfahrung genug har. die Möglichkeit zu vermeide», dadurch unprofitable religiöse Debatten zu erregen. Ich will auch hier jungen Lehrerinnen nicht etwa direkte Instructionen ertheileu, sondern versuche bloß ungefähr den Grundton anzngebeu in Harmonie mit dem Ton, der in einer gemischten Schule gehalten lverden sollte. Wenn eine Lehrerin eine solche Lcerivn gibt, wie ich hier augedeutet habe, werden die Schülerinnen fühlen, daß das die Meinung des ganzen Lehrerperfonals ausdrückl. Wenn in einer gemischten Schule niemals der Unterschied der Eonftssion erwähnt wird, oder die Kinder der Minorität nicht mit einer etwas höhere» Höflichkeit behandelt werden, so riskirt »tan am Ende, daß alle Parteien inehr Unglauben als wahre Toleranz lernen durch die gegenseitige Berührung. Wenn die religiöse Verschiedenheit vollständig ignorin wird, fangen die Kinder an zu glauben, daß z. B. Rechnen und Grammatik, ans welche man beständig ihre Aufmerksamkeit lenkt, von höherem Werth ftnb als Religion, die immer im Hintergrund gehalten wird. Statt dessen sollte in gemischten Schulen gelehrt iverden: Rechnen und Grammatik sind nicht von der höchsten Bedeutung. Jeder kann sich aus Hilfsbüchern darüber klare Ideen schäften, aber religiöse Wahrheit ist zu heilig, als daß Kinder darüber schwarzen sollten, zu erhaben und zu umfassend, als daß Jemand sic, wenn auch noch so geschickt, Kraft seines eigenen Geistes allein verstehen könnte; man kann zu dieser Wahrheit nur gelangen durch beständige Ausübung allgemeiner Menschenliebe und durch bescheidene Bereitwilligkeit zu Untat, was Andersgläubige zu lehren haben. Aber selbst wenn Lehrer die wahre Pietät in dieser Art verstehen (und viele Lehrer verstehen sic heut zu Tage) so rvird ihnen die Ausgabe, sie zu lehren, nnnöthig erschwert durch die Beschränktheit vieler Eltern. Indische und katholische Eltern erwarte» manchmal, daß der Lehrer ans Höflichkeit (!) vorgeben soll, den Religions-Unterschied zwischen seinen Schülern nicht zu kennen! Eine Lehrerin und eine Künstlerin waren jüngst damit beschäftigt, Eharakter-Anzüge für einen Kindcrball zu arrangiren. Unter den Kleinen war ein jüdisches Kind, wie man mir sagte, ein vollkonnnncs Exemplar jüdischer Schönheit des reinstell Typus. Natürlich war der erste Gedanke, für die Kleine ein orientalisches Kostüm zu wählen. Vorn Standpunkte der Künstlerin wäre dies eine gute Lehre in der Zusammensetzung der Farben gewesen; vom Standpunkte des Sittcnlehrers eine Lehre, zeigend den hohen Werth der harmonischen Verschiedenheit des Typus entgegen einer unnatürlichen Einheit; solche Gelegenheiten sollte man eifrig ergreifen, denn Kinder begreifen philosophische Wahrheiten viel besser durch objective Beispiele, als durch bloße Erklärungen; aber in btefeut Falle sagte man der Künstlerin, sie dürfte so etwas nicht wagen, denn die Eltern seien empfindsam über ihre jüdische Herkunft, und es würde sie beleidigen, wenn man das Kind als Jüdin erkennen sollte! „Sind die Leute bei Sinnen!" rief die Künstlerin in ihre»» Uulvillen, „lvas ist über die Welt gekontmen, daß Eltern sich der typischen Schönheit ihres eigenen

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