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Der Israelit · 1885-02-26 · Heft 16 (26.2.1885) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 16 (26.2.1885)
Date
1885-02-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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s<;<; (liüiiüH Wischen den Menschen und Gott als der Genuinst znnndcr und die Menschenwürde schädiqcud unb bccinträchrigcnd. Rick;: n-ehr, meint man, soll ein Gort über uns sein, dem wir zu gehorchen haben, sondern jeder Einzelne soll der Herr seines Willens und seiner Handlungen sein: nur wir selbst sollen alleinige Bcnrthciler und Richter unseres Thuns sein. La wenig aber ein Staat, eine menschliche (Gesellschaft bestehen könnte, wenn es keine linterthanen gädc, wenn man nicht auch den Anforderungen der übrigen Menschen Rechnung trägt: ebensowenig können die Menschen, kann die Welt eristiren, kann es gut thun, wenn ilicht {bei* göttliche Wille, das göttliche Gesetz über uns Menschen steht. Wie der Staat nur durch einen einheitlichen Willen, durch gemeinsames Interesse und gemeinsames Streben geleitet werden und zum allgemeinen Wahle beitragen kann; so erreicht auch die Gesammtnu'It ihr gemeinsames Ziel und Wohl nur durch die einheitliche Leitung des obersten Willens. Wenn auch Vernunft an sich ein Ganzes und Einheitliches ist, so ist doch die Vernunft der Menschen so vielgestaltig, wie dieMenschcn selbst und siehtzur wirklichen höchsten Vernunft in demselben Verhältnis;, wie der einzelne Mensch zur Gesarnnitmenschheit. Aber wie iiiritt der einzelne Mensch in und durch sich denGcsannntmcnschenzweck und das Gesammtmenscheuwohl erfüllen und erreichen kann, ebensowenig lvird cs ihm möglich sein, dasWeltgcsetz und denWeltbestand durch sich allein zu erhalten und *,n fördern. Jeder meint und sucht nach seiner Weisheit und seiner Ansicht denMenschennud Welt.;weck zu erfüllen, und Jeder wieder aus besonderem Wege, so das; selbst bei diesem gemeinschaftlichem Streben, nur nach den Gesetzen der Veruiiiiü :,it handeln, nur von der Vernunft sich leiten zu lassen, die Ansichten und Meinungen doch himmelweit von einander verschieden sind, ein Jeder seinen Weg gebt, welcher von dem des Andern verschieden, ja oft entgegengesetzt ist. Je nach seiner persönlichen Anschauung und dem Grade seiner Verminst steckt er sich die Grenze, so das; gar oft da, ivo die Grenze des Cviiic» anfhört, erst das eigentliche Ziel des Andern beginnt und die größte Verwirrung dadurch entsteht/ Sehen wir uns nur einmal um, wie verschieden die Ansichten auf religiösem Gebiete sind bei dem gleichen Bestreben, sich selbst die Grenzen zu zu ziehen. Der (viiie will sic überhaupt nicht bestimmen, sondern stets offen lassen, so daß er ungehindert von einem Gebiet ans das andere übergehen kann, ohne scheinbar eine Grenze zu überschreiten. Der Andere hält sich bloß an die Gesetze, die auch die Vernunft uns diciirt; der Dritte wiederum bekennt sich zu religiösen Verpflichtungen, soweit cs seine Bequemlichkeit zuläßt: der Vierte beobachtet religiöse Gesetze, weil er Furcht hat vor einer möglichen göttlichen Strafe oder gar aus - Aberglauben, kurz, so bunt und verschiedenartig, wie man heute die Religion von Seilen der Männer der Vernunft beobachtet sieht, war cs kaum zu einer anderen Zeit. Diese anseinandergehende Anschauungsweise findet aber darin ihre Erklärung, daß alle diese Menschen nicht handeln aus der (Erkenntnis; einer gemeinsamen Verpflichtung dem göttlichen Wesen gegenüber, sondern der Willkür und dem Unfall bestimmenden Ginfluß einräumen. Und während man eine jede Verpflichtung der Menschheit ihrem Schöpfer gegenüber leugnet, gesteh! man dennoch wieder eine gewisse Abhängigkeit des Menschen von einer höheren Macht zu, nur scheut man sich, diese Abhängigkeit zu klarem Bewußtsein zu bringen. Man sucht das beunruhigte Gewissen durch gewisse £ pf er, die man sich anserlegt, indem man zu guten Zwecken, zum Nutzen der Gesannnlheit reichlich steuert, oder auch dadurch, daß man gewisse religiöse Feste oder Gebräuche noch beobachtet, zu beschwichtigen. rrrrO 21c nim v'rr» ran z'yno „Siehe," spricht der Prophet im Namen Gottes, „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder.- Was nüvcu alle Opfer, alles Gntesrhnn, wen» man nicht versteht zu gehorchen, wenn wir nicht die Pflicht anerkennen, einem höheren Willen uns nnterznorduen? So lange der Mensch von dem Standpunkte aus sein Leben regelt, daß er sein unbeschränkter Herr, daß sein Wille, seine Vernunft allein für ihn maßgebend ist; so lange er sich nicht als einen Bruchthcil der Menschheit anfleht, der mit seinem Willen und Streben ihren Forderungen gerecht werden muß, sondern in sich den Mittelpunkt seines Menschenlebens erblickt: so lange er, in kindischer Auffassung, sich für entwürdigt hält durch das Band, das ihn an die Menschheit und an ihre Aufgabe kettet und darin nur eine Beschränkung seiner Freiheit, seines Willens und seiner Vernunft zu sehr« glaubt: so lange wird er auf falscher Bahn wandeln, falsche Ziele verfolgen, Unerreichbares wollen, bloßen Phantasmen nachjagen. Gehorchen ist nicht nur entwürdigend, es ist geradezu ehrend. Die Vernunft behauptet nicht bloß ihre Würde, wenn sie keinen andern Ginfluß, als den persönlichen gestattet, im Gcgcniheil, vernünftig kann nur der Mensch sein und handeln, der in Verbindung mir den Menschen strebt und lebt, der auch sich nnterznorduen versteht, der zugibt, daß es außer ihm noch vernünftige, ja vernünftigere, kenntnißreichere, erfahrenere Menschen

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