Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 13 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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211 gläubigen Inden. Die Renegaten halten «ich fern von ihren früheren Glaubensgenossen; dabei können Letztere nur gewinnen, aber c3 ist doch zn bedauern, und zwar aus diesem Grunde: Wenn jüdische Eltern die spätere Lebensgcschichte der Abgcfallcnen kennen würden; wenn sic wüßten, zu welcher Diese der Gemeinheit und Niedrigkeit viele von ihnen sinken, noch mehr aber, wenn die Inden wüßten, welche Verachtung gegen das ganze jüdische Volk Diejenigen fühlen, die nur solch unwürdigenRcpräscntanten der Racc begegnen, dann würden sic mehr Sorge dafür tragen, das; in ihren Kindern die Integrität des religiösen Lebens erhalten werde, aus welche sich der angecrbte Glaube stützt. Alle concreten und besonderen religiösen Systeme werden jetzt im Lichte der modernen Wissenschaft untersucht, und das verursacht eine allgemeine Zersetzung der Gedanken, welche überall das religiöse Leben stört. DaS Iudcnthum scheint unter dieser Störung des Glaubens mitznlcidcn. Es wird vielleicht dcii Juden gut thnn, das; sie gcnöthigt sind, ihren Standpunkt zn überlegen, und den Boden zn untersuchen, auf dem ihre religiöse Einheit ruht; aber cs gibt drei starke Gründe, die sic verhindern sollten, ihrem Glauben uutrcu zu werden. Erstens haben sic gar keine Veranlassung dazu: ihr.Glaube ist so einfach und so vernünftig, das; er sich der Wissenschaft in jedem Stadium ihres Fortschrittes anpaßt. Zweitens ist die Organisation des Indcnthnms eine eigcnthümlichc, welche ohne die im Pentateuch vorgcschricbene, strenge Disciplin auf sonderbare Abwege geräth. Drittens hat die Wahrheit,wie sehr sic auch durch den beständigen Eonflict verschiedener Theorien gelitten haben mag, bisher noch immer eine Zufluchtsstätte in der Arche Israels gefunden, und wäre die Welt beraubt des einigen Indcnthnms, cs wäre eine verlorene Welt, wenn etwas verloren sein kann, welches von einem gütigen Schöpfer geschaffen ist und von Seiner liebenden Hand geleitet wird. — Es herrscht jetzt im Allgemeinen die Meinung, das; die verschicdncn Zweige des menschlichen Denkens, als Religion, Moral, Philosophie, Wissenschaft im Streit mit einander sind. Diese irrige Meinung hat eine schreckliche Menge und große Verschiedenheit geistiger Leiden verursacht. Es gibt keinen bessern Schutz gegen diesen schädlichen Einfluß, kein besseres Heilmittel dafür, als Unterredungen mit gläubigen Juden, welchem Range des Lebens sie auch angehören mögen. Die Welt, ihrer frommen Juden beraubt, wäre ein Gedankcnorkan, ohne einen Mittelpunkt des ruhigen Fortschrittes. Aber selbst abgesehen von der Hilfe, welche die Frommen und Weisen dem Einzelnen gewähren, ist die bloße Existenz Israls an sich schon Zeuge der beständigen Einheit der Wahrheit, und ein praktischer Vermittler aller Verschiedenheiten, und diese Dhatsachc macht sich in der Welt in ganz unerwarteter Weisen fühlbar. Es kommt manchmal vor, daß ein Herr mit stark markirt jüdischen Zügen in einen der aristokratischen Elnbs kommt, und anstatt, wie Andere, in aller Stille sein Mittagbrod zn bestellen, sich auf einen bemerkbaren Platz'stellt und dem Diener laut zürnst, ihm Schinken zn bringen, in der Absicht, seine Nichtachtung der jüdischen Gesetze zu zeigen, oder die Leute glauben zn machen, daß er nichtjüdischen Ursprungs sei, und seinen Zweck gänzlich dabei verfehlt. Der gläubige Jude nennt so etwas lasterhaft: der Freund der historischen Wissenschaft denkt, cs sei Schade, solch altehrwürdigc Nassennnterschicde zu vernichten; der Gelehrte, wie z. B. James Hniton, denkt, ein solcher Mensch muß sehr roh und unwissend sein, um die Gesetze der Entwickelung und den wahren Werth der Freiheit so zn verkennen; und der christliche Gentleman summirt das Urtheil aller dieser, indem er sagt: welch ein verächtlicher Narr \ Diese vier Kritiker betrachten das Leben von sehr verschiedenen Gesichtspunkten, aber alle gelangen sie, wenn auch ans verschiedenen Wegen, zn derselben Wahrheit, und diese Wahrheit ist: Ein Jude, der nicht mit Stolz und Vergnügen seine Verehrung für das Gesetz MosiS zeigt, ist ein Geschöpf zu niedriger Gattung, um wahre Kenntnis; irgend einer Religion, Wissenschaft oder Philosophie zn erlangen, und sein Geist hat nicht die genügende Substanz, die Politur wahrhafter Bildung anznnchmcn, welch äußerlichen Firniß er auch durch Erziehung erlangt haben mag. — Ein sehr liebes, deutsches Mädchen sagte neulich von einem ihrer jüdischen Freunde: „Erwirb nie seinen Glauben wechseln, dazu ist er zn sehr Gentleman-, ein getaufter Jude ist ein erbärmliches Geschöpf." — Sie ist selbst Ehristin und wollte natürlich nichts Unehrerbietigcs gegen die Taufe oder ihre Religion sagen, aber bei dem Ehristen setzt die Taufe wenigstens die Absicht voraus, seinem Glauben treu zn bleiben, während der Jude mit der Taufe die Absicht hat, alle Gesetze, welche die Bibel für den Juden bestimmt, für sich und seine Kinder abznwcrfcn. — Derjenige, der da glaubt ein Recht zu haben, weil er sich seine eigene Mclnnng über verschiedene historischen Fragen gebildet hat, ist in der That ein erbärmliches Geschöpf. — Kein Fortschritt wird je Undankbarkeit antheißen oder das Zurschantragen dieser Undankbar-