Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-02-12 · Heft 12 (12.2.1885) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 12 (12.2.1885)
Date
1885-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449516--21648-2511234
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

196 Mcnschcn dem Geistigen dient. Wenn aber der Geist nur wirkt und schasst im Dienste der schwachen .Straft, wenn alle Handlung dcS Menschen nur das materielle Wohl im Auge hat, dann ist diese nur eine halbe. Die Erfahrung drängt sich uns tagtäglich ans, das; die H a l b h e i t vorzuherrschcu pflegt, das; man an sich selbst niemals, oder doch nur selten die bessernde Hand anlegt, weil man sich schon als (Ganzes, als Vollkommenes betrachtet, weil man sich eben überschätzt. Noch schlimmer, ja traurig sicht es ans, wenn nach Winterszeit, nach trüben finstern Tagen, nach Sturm und Regen; wenn nach solchen Tagen, wo nicht nur die bessernde Hand dem Heiligthumc in uns fern, sondern wo sogar die zu zerstörende Macht unaufhörlich, ungehindert, zersetzend gewirkt, so das; Nisse und Spalte überall sich zeigen; wie schlimm und traurig sieht eS nach solch' einer Zeit ans, wenn wir die Blicke aufmerksam, forschend auf unsere Umgebung richten. Eine solche Winterszeit ist über unser Heiligthum, über untere Gotteslehrc dahin gegangen und hat ihre verderbliche Macht an ihnen probirt und uns den traurigen Anblick des Verfalls, der Nisse und Spalte hintcrlasscn. Wohl verwendet mau heute viel Gold und Silber auf das Gotteshaus, schmückt cs prächtig . . . werden aber damit wohl die Nisse entfernt, die Gefahr des Zerfalles beseitigte Was nützen all jene Zierratheu, wenn die Grundmauern erschüttert sind und wanken? h*cd n rv2 nry' so rprr? u’nt 2m ^2 *?r, rms^n, rrfnte, "1 n'2 N2*icn. „Von dem Schekel, von dem Gelbe, das unsere Personen auslöscn und zu heiligem Zwecke verwendet werden soll, darf nur der Schaden am Heiligthum selbst ansgebcssert werden, nicht aber dürfen silberne Schalen, Psalter, Becken, Trompeten und allerlei goldene, und silberne Gefaste davon augeschasft werden." Denn die sind höchstens ein Schmuck, eine Augenweide, wohl schön, aber nicht unbedingt nöthig, keineswegs aber die Schäden und Nisse verdeckend oder verbessernd. DaS ist eben die falsche Auffassung über die Art und Weise, wie man das Indenthum heben, ihm Achtung und Anerkennnng verschaffen kann, das; man in rein äußerlichen unwichtigen Dingen öic_ Rettung und Besserung sucht, die eigentlichen tiefen Schäden und Risse aber nicht erkennen will, und so gerade immer mehr beitrügt zur Erweiterung dieser Nisse. Wer heute diese sogenannten Verbesserungen betrachtet, die mit dem Judenthum seit fast einem Jahrhundert vorgenommeu wurden, der wird, wen» er unparteiisch und gerecht ist, sich erstaunt fragen: Wo ist denn diese Besserung und die dadurch bedingte höhere Werthschätznng desselben zu finden? Soll denn wirklich ein bischen Gottesdienst — und wenn er noch so erhebend wäre — die Unwiffenheit und Nichtbeachtung der Fundamentalgcsctzc unserer heiligen Religion, ersetzen? Welcher ehrliche Manu wollte sich damit täuschen!? ES ist wahr, der halbe Schekel, dieser Gradmesser unseres Meuschcnwerthcs, der uns zeigen soll, das; als Menschen wir Alle gleich sind, daß wir nur im Zusammenwirken mit der Gesammthcit und im Erstreben der Wahrheit und der wahren Güter der Menschheit ganze Menschen werden: dieser halbe Schekel durfte nur zum Gottesdienste verwendet werden. Aber der jüdische Gottesdienst besteht nicht blos im Besuche des Gotteshauses, nicht in der Ausschmückung desselben mit Gold und Silber und sonstigem Schmuck, sondern hauptsächlich darin 'i p'2 pis na prn? zu festigen und auSzubcssern die Schäden und Risse im Gotteshause, die durch äußere Einflüsse entstanden sind. Also in der Wiederherstellung und Erhaltung des ursprünglichen Heiligthums. — Wenn man die Kopfzahl der Binder Israel anfnimmt, daun sollen Alle ohne Unterschied, reich wie arm einen halben Schekel zusammen als Hebe für den Ewigen darbringcn um ihre Personen aus-. zulösen. Gespalten und zcrripen sind heute die Binder Israel in Hunderte von Parteien, wie wenn wilde Stürme mitten hindurch gefahren und sie dahin und dorthin zerstreut und zertheilt hätte. Alle aber geben sic vor, das; ein Jeder nur auf die Hebung und Heiligung der jüdischen Religion bedacht sei. In der That 'ist das Resultat bis heute ein Beweis des Gegenthcils. Wenn denn doch bei der Zählung unseres Volkes, der Binder Israels, der halbe Schekel als Spende für Gott und als versöhnendes Mittel dargebracht sein soll, dann darf unser Volk nicht vergessen, das; wir Alle, die wir nur halbe Schekel sind, nur gemeinsam denselben für die Gcsammtheit als VersöhnuugSmittel und zum Dienste Gottes, darbringeu sollen. Nach außen hin gewinnen wir wahrlich nicht an Achtung und Werth, wenn wir ein so verworrenes, vielfach zerrissenes Bild bieten. Wenn unsere Religion uns nicht einigt und festigt, soll die Außenwelt ein Interesse daran haben uns als ctrvas Ganzes, als eine Gesammthcit zn betrachten und zu würdigen? Und nach Innen kann wahrlich Niemand behaupte», daß wir ein erfreuliches Bild böten. Lauter "einzelne Schekel!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.