Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1885)
- Date
- 1885-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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179 Weltherrschaft für den jüdische» Stamm erstrebe» zu wollen. Wir glauben an die uns gewordenen göttlichen Verheißungen, die einst die ganze Menschheit beglücken werden. Wir suchen dieselben zu verwirklichen durch Tugend und Gottesfurcht, durch Wohlthätigkcit und Menschenliebe. Die Kathastrophe, die Herr von H. prophezeit, fürchten wir nicht. Das Judenthum hat schon ganz andere Stürme über sich ergehen lassen. Gewaltige Weltreiche sind in Trümmer gegangen, große Kulturvölker sind dahingeschwunden — alle jene Kathastrophcn haben die Juden nicht zu vernichten vermocht. (Fortsetzung folgt.) ßin Wort zur Zeit. Prag, den 6. Februar. Unter den jüdischen Zeitschriften, die man heutzutage zur Hand nimmt, verkennen manche ihren Standpunkt. Sie werden nicht müde, darauf hinzuweisen, daß eigentlich kein Unterschied zwischen dem Kern desJudenthnms und dem.Kern desEhriftcnthums bestehe, so daß man verwundert die vergangenen Jahrhunderte der jüdischen Geschichte durchgeht, um die Antwort auf die obenauf liegenden Fragen zu erhalten: Warum der lange Kämpft Wozu die nutzlosen Opfer an Geld, Ehre und Blut? Wenn zwischen den verschiedenen Eonfessionen wirklich nur ein formaler Unterschied herrschte, müßten wir die Märtyrer als bornirte eigensinnige Köpfe ansehe», die nicht nur sich ins Unglück brachten, sondern auch das Nebel auf uns vererbten. Nein, meine Herren Prediger und Redacteurc! Der Unterschied ist mehr als ein formaler, er liegt tiefer und ist größer, er ist so groß wie die Welt! Religion bedeutet eben Weltanschauung, sie tritt wohl in irgend einer Form zur Erscheinung, sie bestimmt aber auch dic Gesinnng und damit die Handlungen. Zwei verschiedene Religionen, das bedeutet zwei verschiedene Weltanschauungen. Darin werdet ihr den Grund der Beharrlichkeit des Judenthums suchen müssen. Formen können abgestreift, Aenßerlichkeiten abgelegt werden. Nie und nimmer kann man jedoch, ohne sich selbst aufzugebcn, aus seiner Weltanschauung heraustreten, sie ist mit euch verwachsen, ihr werdet sie für die beste halten müssen! Wie kommt es nun, frage ich wieder, daß Organe des Judenthums seit einiger Zeit eine fremde Weltanschauung geradezu verhimmeln, die Evangelien z. B. als Grundlage der Humanität hinstellen, und Alles, wasdas köstlichsteGut der Menschheit ausmacht, nur ans den Evangelien hcranszulesen verstehen. Es liegt mir nichts ferner, als um ein Gegengewicht gegen solchen Vorgang zn bilden, die Evangelien hcrabwnrdigcn zu wollen, ich bin sehr zufrieden, wenn Andere durch sie besser und moralischer werden; ich begreife nur nicht, wie ein solches Thema in eine jüdische Zeitschrift hineingerathen konnte, da doch dieselbe für Inden von Inden geschrieben wird, in Zeitschriften, die die jüdische und keine fremde, Weltanschauung zu vertreten haben. Man könnte wohl entgegnen, daß dies nur eine Taktik wäre, fein politisch'angelegt, um eine Nothwchr gegen den Antisemitismus zu bilden. Denn die Antisemiten stützen sich gerade auf die These von den verschiedenen Weltanschauungen, die Taktik bestünde nun darin, die Antisemiten eines Bessern zu belehren. Das steht einmal fest, daß der Antisemitismus herrscht; darüber hilft keine Phrase hinweg, man müßte ihn zu versöhnen suchen. Leider ist das Mittel so schlecht wie möglich. Die Antisemiten lesen nicht die Leitartikel in den erwähnten jüdischen Zeitschriften, und wenn sie sie lesen, so glauben sie sie nicht, und wenn sie sie glaubten, so wären wir noch schlimmer daran, sie hätten dann die besten Waffen, unsere Verkehrtheit und unfern Eigensinn zu schmähen. So ist diese Taktik jedenfalls verderblich. Den Antisemiten kann man überhaupt nicht versöhnen. Er tadelt Altes an uns, am Conservativcn die Frömmigkeit und Observanz, am Reformirten die Nachäffung. Den gebildeten Inden haßt er wegen seiner Bildung, den ungebildeten wegen seiner Niedrigkeit, den Geschäftsmann wegen der Eoncnrrcnz, den Landwirt!) beneidet er er um seinen Besitz, den Börsianer wegen des leichten Erwerbes, den Handwerker wegen seiner Sparsamkeit. Kurz, leget euch, wie ihr wollt, ihr lieget ihm schlecht, Gefühle der Liebe werdet ihr nie wachrufen - er haßt euch, und in seinem Hasse mißfällt ihm alles an euch. Da hilft absolut nichts. Es wäre auch sehr unklug, auf die Alle verbrüdernde Liebe zu rechnen. Die Liebe ist ein sehr unbeständiges Gefühl; wir haben cs erlebt. Als Minorität haben wir nur eine Stütze — das Recht. Wir leben im Rechtsftaate, und darauf müsse» wir Hinweisen. Wenn das Bürgerthum sich selbst zn Grunde richten will, dann mag cs dem Antisemitismus willig Ohr leihen. Es gibt kein halbes Recht, keine halbe Freiheit. Schafft man Ausnahmsgesetze gegen die Juden, dann ist die Religionsfreiheit in diesen Gesetzen begraben, und dann ist es mit dem freien Bürgerthum auch zu Ende. Wir sind die Minorität und darum schwach,