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Der Israelit · 1885-02-09 · Heft 11 (9.2.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 11 (9.2.1885)
Date
1885-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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178 und dieses muß ihm thenerer sein als die Angehörigen anderer Völker. Stammcsgcfühl und Nationalgesühl sind gar keine Gegensätze, auch bei den Juden nicht. Ebenso wenig wie der Patriotismus eines Mannes verdächtigt werden kann, dessen Kinder in den vereinigten Staaten von Nordamerika naturalisirt worden sind, ebenso wenig kann unser Patriotismus in Frage gestellt werden, weil Angehörige unseres Stammes Burger fremder Länder sind. Das; uns mit diesen die Bande der Religion und mannigfache ideale Bestrebungen vereinen, das schädigt unfern deutschen Patriotismns nicht im Allercntferntestcn. Wir stehen mit ihnen in keinerlei politischem Zusammenhänge. In den Kriegen dieses Jahrhunderts kämpften die jüdischen Soldaten des einen Heeres gegen die jüdischen des anderen ganz in derselben Weise wie die nichtjüdischen. Bor der Belagerung von Paris wurden die deutschen Juden gerade so gezwungen, die französische Hauptstadt zu verlassen, wie die deutschen Ehristcu. Die Geschichte der Zerstreuung unseres Volkes zählt bereits nach Jahrtausenden, und diese lauge Geschichte kennt kein Beispiel, daß die von irgend einem Volke gastlich aufgenomnlenen Juden gegen dasselbe conspirirt hätten. Aber das Gegenthcil ist mannigfach erwiesen. Wir wollen nur eine Episode aus der Geschichte des gegenwärtigen Jahrhunderts hervorhebcn. Bor der Zeit' der napoleouischen Kriege waren die Juden in Deutschland auf das Schrecklichste gedrückt und zurückgesetzt. Die Franzosenherrschaft brachte den Unterdrückten die bürgerliche Freiheit. Trotzdem war der Patriotismus bei den deutschen Inden so groß, daß sie mit vollem und ganzem Herzen redlich das Ihrige dazu beitrugen, Deutschland ans seiner Erniederigung zu erheben und die Fremdherrschaft zu stürzen. Dem Aufrufe des Königs von Preußen folgten viele begeisterte jüdische Jünglinge, traten als Freiwillige in das preußische Heer und vergossen ihr Blut für das undankbare Vaterland. Denn, kaum war die Fremdherrschaft gebrochen, so wurden in den meisten deutschen Staaten die alten Fesseln aufs Neue geschmiedet und die alten Ansnahmsgesetze wieder ins Leben gerufen. Ganz unverständlich ist es uns, wie ein Denker, ein Philosoph sich gedankenlos antisemitische Phrasen zu eigen machen und von widerwillig aufgenommenen, eingewandcrten Gästen im Gegensätze zu den Wirthsvölkern sprechen kann! Wir wollen den Philosophen nicht beschuldigen, daß er den Ausdruck Wirthsvölker im ähnlichen Sinne gebraucht wie in der Zoologie von „Wirthsthiereu" und deren Gästen, den Parasiten, dem Ungeziefer üblich ist. Wie wir vernehmen, soll sich Herr v. H. in der zweiten Auflage seiner Schrift gegen eine solche Auffassung verwahrt haben. Wie kann Herr von H. Leute, deren Voreltern seit länger als tausend Jahren in Deutschland gewohnt haben, fremde, eingcwanderte Gäste nennen? Daß man uns in den Jahrhunderten der Vergewaltigung als Fremde behandelt, unterdrückt und beraubt hat, das gibt doch wahrlich den Nachkommen kein Recht, uns vernichten zu wollen! Denn eine Vernichtung, eine freiwillige Selbvcrnichtung ist es, die Herr von H. von uns verlangt. Auch in der Schrift des Herrn v. H. begegnen wir der oft widerlegten, aber gar nicht auszurotteuden, falschen Fiction von der „Alliance JsraÄite Universelle" als einer Bereinigung zur Anstrebung der Weltherrschaft für die Juden. Wie oft ist es schon gesagt worden, das; die genannte Vereinigung nichts ist als ein Wohlthätigkeitsverein, der Schulen gründet und unterhält und sich unglücklicher Glaubensgenossen, die in barbarischen Ländern unterdrückt und verfolgt werden, annimmt! Herr von H. weiß das recht gut. „Vorläufig," schreibt er, „beschränkt sich zwar der ostensible Zweck der Alliance, aus Forderung der jüdischen Religion und des jüdischen Schulwesens, auf internationalen Rechtsschutz und vollständige Eroberung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Inden; aber es ist selbstverständlich, daß eine solche Organisation, wenn sie einmal besteht, den Einfluß, den sie durch ihre persönlichen Verbindungen und ihre .Kapitalmacht besitzt, hinter den Eoulisscn ganz allgemeine zur Förderung der internationale» Interessen des Judenthums zur Steigerung seiner Macht und zur Befestigung seiner Solidarität «»wendet, und es ist ebenso selbstverständlich, daß die Sphäre ihrer Ausgaben sich erweitern muß nach Maßgabe, als die Position des Judenthums in den einzelnen Staaten stärker wird." Unsere geehrten Leser ersehen, daß Herr von H., wie die große Schaar der Antisemiten, vor einer bevorstehenden Weltherrschaft der Juden zu zittern scheint. Er hält es auch daher für nothwendig, den Antisemiten ein Wort des Trostes zu sagen, daß nämlich die Socialdemokratie schon dafür sorgen würde, daß die jüdischen Bäume nicht in den Himmel wachsen; den Inden aber ruft er die Warnung zu, daß kein Volk eine solche Fremdherrschaft dulden und daß in solchem Falle der Antisemitismus zu einer allgemeinen Stnrmflnth anschwellen und die winzige, jüdische Minderheit mit elementarer Gewalt hknwegfcgcn würde. Wir danketz.. Herrn von H. für seine wohlgemeinte Warnung. Kein Jude ist so thöricht, die

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