Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 11 (9.2.1885)
- Date
- 1885-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 11. Ein Zentral - Zrgan für das orthodoxe Zudenthum. Hcrausgcgcben von Dp, Lehmann in Mainz. Montag, den!>. Februar 5645 (1885). Leitende Artikel. Das Zudcilll-mn in Gegenwart und Ankunft. (Von Eduard v. Hart mann.) IV. Mainz, 5. Februar. In dem „Stammesgefühl und Nationalgefühl", überschriebenen Eapitel seines Buches ergeht sich Herr von H. in sehr scharfen Worten gegen diejenigen Juden, welche ihr Stammesgcfühl nicht aufgeben wollen, d. h. mit andern Worten, gegen alle Juden, die noch auf dem Boden des Jud'cuthums stehen. Herr von H. bezeichnet die Juden als fremde, ungebetene Gäste, die man widerwillig ausgenommen, lange zurückgesetzt und unterdrückt und endlich emancipi'rt hat in der Voraussetzung, das; sie nunmehr bald anshören würden, Inden zu sein und als Juden zu fühlen. „Denn," schreibt Herr von H., „wenn der heutige Zustand bestehen bliebe, so wäre das deutsche Volk vom Judcntynm durch die Forderung und Annahme der Emancipation betrogen worden, und Diejenigen, tvelchc dem deutschen Volke znmuthen, mit der gegenwärtigen Sachlage zufrieden zu sein, muthen ihm mit andern Worten zn, sich zum willigen Fußschemel der Größe und Herrlichkeit der künftigen Weltherrschaft zu machen, was doch selbst ans dem Gesichtspunkt des abstraktesten Liberalismus etwas viel verlangt ist." Und an einer andern Stelle: „So lange aber die Wortführer des Judenthums sich gegen den Verzicht auf das allgemeine jüdische Solidaritätsgcfühl und dcpcn Selbstüberhebung als gegen eine unerfüllbare Zuinilthimg slrenben, so lange geben sie dem Mißtrauen der Völker Nahrung, daß alle angebliche Theilnahme an ihrem Nationalgefühl nur eine berechnete Heuchelei sei, aus der seiner Zeit das nngeschwächte jüdische Herrschaftsgelüste hervorbrccheu werde." Es ist leider in jüngster Zeit im deutschen Reiche Mode geworden, einen Jeden als Reichsfeind zu bezeichnen, der nicht der gerade herrschenden Strömung folgt. Nach den von Herrn von.H. anfgestellten Grundsätzen würden die vielen Millionen deutscher Katholiken, deren Vertreter im Reichstage im Eentrinn sitzen, würden viele Millionen deutscher Arbeiter, würden die Anhänger der Volkspartei, würden selbst die gläubigen Protestanten, würden alle Diejenigen, die etwas Höheres kennen und anerkennen als den Begriff des modernen Staates, zu den Betrügern und Heuchlern mit demselben Rechte gezählt werden muffen, wie Herr v. H. die gläubigen Juden dazu zählt. Für uns Inden ist nicht das nationale Gefühl das Höchste, sondern die Lehre von dem einen Gott, dem Schöpfer des Weltalls, dem Vater der gesammten Menschheit. Dieser erhabene Grundsatz hindert uns nicht im Entferntesten, patriotische Bürger des deutschen Reiches zu sein und unsere K inder dazu zu erziehen. Der Mensch ist zunächst Jndividullm, dieses aber ist nicht ans dem Stein gesprungen, sondern muß nothwendiger Weise einer Familie angehöre», die Familie einem Stamme, der Stamm einem Volke, das Volk der Menschheit. Nach dieser Gliederung richten sich die Pflichten und Gefühle der Einzelnen. Die Sorge für sich selbst ist ein durchaus berechtigter Egoismus; ebenso stehen dem Manne Frau und Kinder, Eltern und Geschwister näher als die übrigen Stammesangehörigen: ebenso steht ihm der Stamm näher als das Volt,