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Der Israelit · 1885-02-05 · Heft 10 (5.2.1885) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 10 (5.2.1885)
Date
1885-02-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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175 Vater seiner Frau war seit vielen Jahren todt — übernommen, war unter seiner Leitung rasch cmporgeblüht und bot ihm die beste Aussicht, ihn sehr bald zum reichen Manne zu machen. Es war ein prächtiger Frühlingstag. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel herab und lockte aus dem Erdeubodeu die Pflanzen hervor, so daß sich Feld und Flur mit frischem Grün bedeckten. Samuel Levy war sehr heiter gestimmt und berechnete schon im Geiste den großen Gewinn, den ihm die Frankfurter Melle bringen werde, lim seinen Leib hatte er eine sogenannte Geldkatze geschnallt,^ in der sich 2000 Thaler in Gold befanden. Für diese in damaliger Zeit sehr bedeutende Summe konnte er in Frankfurt die vortheilhaftcsten Einkäufe machen. „Denn", sagte er sich, „baares Geld lacht, und die Verkäufer erlassen ihre Waarer: gegen baar weit wohlfeiler." Mit diesen Gedanken beschäftigt, war er au den Wolfsbach gekommen, der an dem Torfe Schönau vorbeifließt. Sonst führte eine Brücke über den Bach; jetzt war sie vom Strome hiuweggerisfen worden. Einen Augenblick zögerte Samuel; daun aber^ entschloß er sich, hindurchznrcilcu. Allein, das Map er riß ihn fort, und bald sah man weder Pferd noch Reiter mehr. Am Ufer stand ein Bauer. Dieser warf geschwind seine Kleider von sich, sprang ins Wasser und erhaschte glücklich den Ertrinkenden. Mit vieler Mühe brachte er ihn ans Land; das Pferd aber konnte er nicht retten. Der unglückliche Levy hatte so viel Wasser geschluckt, daß er leblos an das Ufer gebracht wurde. Ter Bauer, Heinrich Dietze hieß er, brachte ihn in sein nahegelegenes Hans, legte ihn auf ein Gcbund Stroh und gab sich alle Mühe, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Es gelang ihm auch glücklich. Als Samuel wieder völlig hergcftcllt war, dankte er seinem Erretter auf das herzlichste. Nun wollte er nach seinem Gelbe greifen, um dem braven Bauern eine reiche Belohnung zu gebe»; aber das Geld war fort. „Habt Ihr vielleicht;" fragte Samuel den Bauer, „mir die Geldkatze vom Leibe losgelöst?" „Ich habe keine Geldkatze gesehen," antwortete derselbe. „Sie wird ins Wasser gefallen sein." „Das ist nicht gut möglich," eutgegnete Samuel; „denn sic war fest um meinen Leib geschnallt." „Herr," sagte der Bauer, „Ihr werdet doch nicht glauben, daß ich Euer Geld genommen habe? Wenn ich hätte Euch bestehlen wollen, so würde ich mir doch nicht so viel Mühe gegeben haben, Euch ins Leben zurückgerufen!" „Das ist wohl wahr," eutgegnete Samuel. „Tie Sache ist mir ein Räthsel. Ich bin Euch zu Dank verpflichtet und will Euch nicht beschuldigen. Da ich kein Geld habe, so kann ich Euch auch nicht für die Rettung meines Lebens belohnen. Ick habe einen schweren Verlust erlitten. Gott wiro mir helfen. Lebt wohl!" Die Beiden schieden nicht recht vergnügt von einander. Samuel war bekümmert, weil er einen großen Theil seines Vermögens cingebüßt hatte, und Heinrich grämte sich darüber, daß er unschuldig in den Verdacht eines Diebstahls gekommen war. Ein Jahr war nach den erzählten Ereignissen vergangen, ein für Heinrich Dietze und die Seinen recht trübseliges Jahr. Die Frau war erkrankt. Nicht allein, daß Doctor und Apotheker bezahlt werden mußten; auch der Haushalt wurde dadurch veruachlssäigt. Eine Magd mußte angenommen werden, um die kranke Frau zu pflegen und die kleinen Kinder zu versorgen; dazu war noch eine Mißernte gekommen, und Heinrich war in Schulden geratheu. Seine Gläubiger drangen auf Bezahlung, und da er sie nicht bcficdigeu konnte, so sollte sein Häuschen, sein Vieh und seine andere Habseligkeiten zwangsweise verkauft werden. Der Bauer und seine kranke Frau waren der Verzweiflung nahe. Was sollte aus ihnen werden, wenn sie mit ihren Kindern obdachlos als Bettler in die Welt hinausgestoßen würden? Der Unglückstag erschien, und schon hatte die Versteigerung begonnen. Da sprengte ein Reiter herbei, sprang vom Pferde und übergab dasselbe einem müssig dastehenden Banernknecht. Dann drängte er sich durch die kauflustigen Bauern und rief dem Auctionator zu: „Haltet ein, ich bezahle fämmtliche Schulden des Heinrich Dietze!" Es war Samuel Levy. Als er erfuhr, daß die Schulden des Bauern, inclusive der Kosten 405 Thaler 20 Groschen betrugen, löste er eine schwere Geldkatze von seinem Leibe und legte das Geld auf den Tisch. So wurden die Gläubiger befriedigt; die Gerichtsbeamten und die Kauflustigen entfernten sich. Heinrich Dietze hatte bisher wie erstarrt dagestauden. Jetzt fiel er seinem Helfer zu Füßen und umschlang laut weinend seine Knie. „Steht auf, Mann, seid kein Thor!" sagte Samuel. „Es ist nur ein geringer Beweis meiner Dankbarkeit! Ihr habt mir das Leben, meiner Frau den Gatten, meinen Kindern den Later gerettet! Ich wäre schon früher gekommen; allein ich wollte mich erst vergewissern, ob ihr meine Geldkatze behalten. Ich habe Euch beobachten lassen. Hättet ihr Gold ausgegeben und plötzlichen Reichthum gezeigt, ich hätte Euch auch dann beim Gerichte

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