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Der Israelit · 1885-02-05 · Heft 10 (5.2.1885) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 10 (5.2.1885)
Date
1885-02-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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160 versuchte mich zu überzeugen, das; weuu ich lange in Deutschland lebte, ich dazu kommen würde, die Vernichtung der ganzen Nace zu wünschen. Am Ende unserer langen Discussion ließ sie die Bemerkung fallen, daß sie eine oder zwei recht nette jüdische Familien kenne, aber sie seien strenggläubige Israeliten. „Es sind die Renegaten." fuhr sie fort, „die man überall trifft, und die so unleidlich sind, daß sie schon den ganzen Ton der deutschen Gesellschaft hernntergebracht haben." Solche Bemerkungen haben eine eigcnthümliche Bedeutung, denn in England kann man auch sehen, wo das Wort „Jude" gebraucht wird, um in gesellschaftlicher Beziehung etwas Niedriges auszudrücken, da ist der Widerwillen des Sprechers auf alles Jüdische übertragen worden, nachdem er erregt worden war von solchen Inden, die sich schmeicheln, daß man ihre Nationalität vergessen hat. Ein gebildeter Jude ist in so vielen Beziehungen wie alle anderen gebildeten Menschen, derart, daß man seine Nationalität vergißt. Die kleine Spur orientalischer Lebhaftigkeit gibt seinen Manieren eine gewisse Originalität, aber sie erscheint einem kaum als eine nationale Absonderlichkeit, während der Jude, der sein Anrecht auf Achtung nur auf seine Vorliebe für Schinken stützt, fast nie genannt wird, ohne eine Bemerkung über widerwärtige Inden hervorzurufen. Gerade ebenso, wie in England .(keiner so oft „Ein widerwärtiger *)Paddy," genannt wird, wie Derjenige, der sich fortwährend bestrebt, seine Bekannten 'in schlechtem Englisch zu versichern, das; ihm nichts so widerwärtig sei, als das irländische Patois, und daß er, als er einmal einen Besuch in Irland machte, alles dort abscheulich fand. — Die Unwissenheit in christlichen Eirkeln über alles, die bessere Klasse der Inden Betreffende, ist wirklich erstaunlich. Bor einigen Jahren erzählte mir ein sehr bekannter Geistlicher, daß er einen jüdischen Prediger gehört hätte, dessen Rede ihn in Verwunderung versetzt habe, da er nicht begreife, wie so dieser Jude zu dem Ausdruck der höchsten christlichen Lehren gekommen sei! Mir erschien die Rede ganz gewöhnlich; ich hatte dasselbe schon sehr oft gehört, sowohl in der Synagoge, wie von einigen Freunden, welche sich die Mühe gegeben hatten, zu lernen, was die Juden zu lehren haben. Ich furchte, ich verblüffte den ehrwürdigen Herren etwas, als ich ihm sagte, mir schienen ^die Nachkommen der Landsleute des Stifters der christlichen Religion wohl am geeignetsten, moralische Ideen zu entwickeln, die den ihrigen gleichen. Hier kann ich wohl ohne anzustoßen ein Wort *) Paddy, Scheltname für Irländer. über Religion sagen. Religiöses Vorurtheil ist sehr verwerflich, aber es bleibt doch immer ein Zug menschlicher Natur, der „die ganze Welt verwandt" macht. Man kann einen Shylock begreifen; wenn er die Christen haßt, so ist es mehr ihre Schuld, als die seinige, und nach Allem fühlt man doch, daß in dem Panzer des Hasses, mit dem er sich umgab, eine Lücke war, durch welche man in sein Herz hineinkriechen und sich dort heimisch machen konnte. Aber ein Jude, der so über allem Vorurtheil erhaben ist, daß er die Freundschaft von Christen vorzugsweise sucht, und ihnen 311 verstehen gibt, daß er gleichgiltig ist gegen die Ehre, oder gar sich dessen schämt, ein Nachkomme der Landsleute von Moses, David und Jesaias zu sein, ist ein abnormes Geschöpf, das „personifizirte Undenkbare"! Cr gibt allen unfern Gefühlen -und Traditionen arge» Anstoß; er verwundet uns an dem Punkte, wo das Abstoßende des schlechten Geschmackes sich mit dem religiösen Gefühl verbindet; er ist die Verkörperung schamlos verschwendeter Vorrechte, und er beleidigt nicht nur gläubige Christen, sondern selbst solche, die selbst schon gleichgiltig sind gegen ihren Glauben. So lange es schwache und thörichte Christen geben wird, so lange werden die Juden beneidet werden \m ihre Stärke; aber so lange irgend eine Form des Christenthnms exiftirt, so lange werden Juden, die nicht auf ihre Nationalität stolz find, Veranlassung geben, das Judenthnm in ihrer Person zu verachten und zu verabscheuen. Zwei Mittel gibt cs also gegen die Ungerechtigkeit, unter der die Juden leiden: Erstens müssen fromme und unterrichtete Juden mehr aus sich hcraustreten, und der Welt zeigen, was sie lehren können, und zweitens, daß alle Juden von einem so erhabnen Stolz für ihre nationale Neberlieferungen erfüllt seien, daß ihre Kinder unmöglich Renegaten werden können! (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, Februar. Durch die Zeitungen ging unlängst die Nachricht, der Stifter der Secte Neu-Jsrael, Joseph Rabinowitsch, sei voll orthodoxen Juden ermordet worden. Nach uns zugegangenen, zuverlässigen Berichten ist an der ganzen Geschichte kein wahres Wort. Der „Rcligionsstifter" lebt frisch und gesund und .... in Kischinew.

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