Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 9 (2.2.1885)
- Date
- 1885-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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147 im Laufe des Tages, daß sich die Papiere desselben in bester Ordnung befunden hatten. Jetzt erkannte ich allerdings, daß der französische Offizier damals beabsichtigt hatte die Stellung, vielleicht auch die Stärke der verbündeten Armeen und die Terrainverhältniffe des Landes, in das der Feind eiuzudringen hoffte, kennen zu lernen. Diese Erkenntnis; war mir in diesem Augenblicke in blitzartiger Erinnerung, also in viel kürzerer Zeit geworden als ich, dieselbe euch mitzutheilen, brauchte. Auch der sterbende Offizier hatte mich augenscheinlich, augenblicklich erkannt; er hatte mich ja an demselben Orte gesehen, er wurde offenbar verwirrt, eine kurze Zeit färbte eine auffteigcnde Blutwelle seine todtenbleicheu Wangen mit zartem Noth, er schloß die Augen, als wolle er meinen Anblick vermeiden; er mochte sich wohl in seiner letzten Stunde, der Nolle, die er damals so vortrefflich gespielt, schämen. — Wäre er in voller Manneskraft vor mir gestanden, hätte ich ihm grollen muffen, aber er lag mit zerschossenen Gliedern und brechenden Augen da, .... ich hatte endlos großes Mitleid mit ihm. Ich wollte Nlit keiner Miene, mit keinem Worte verrathen, daß ich ihn schon einmal gesehen; — ich trat einen Schritt zurück. Während dessen hatte ihn der junge Offizier französisch angesprochen, ihn gefragt, ob er etwa Wunsche hege, die zu erfüllen er im Stande sei, ob er etwa einen katholischen Priester wünsche. Der französische Kapitän erwiderte mit leiser verklingender Stimme sranzösich, was nach Möglichkeit wortgetreu übersetzt, so lauten möchte. „Sie sind sehr liebenswürdig .... für den Pfarrer bleibt mir schon zu wenig Zeit .... mein Blick beginnt sich schon zu verdunkeln .... es wird finster um mich her .... die Komödie geht zu Ende .... die Eourtine wird gleich fallen! Ich bin ein Pole Graf Kasimir Nankowsky .... in Paris lebt mein Vater Graf Stanislaus.und meine edle Gattin Maria und unser Kind, ein kleines, liebes Mädchen. Schreiben Sie gefälligst meinem Vater, daß ich der letzte meines Namens, meiner Ahnen, würdig auf dem Schlachiselde zu Tode verwundet wurde.... Meiner lieben Frau senden Sie gefälligst dieses Medaillon", — er hatte mit erkaltender erstarrender Hand nach diesem, das an einer Haarschnur an seinem Halse niederhing, getastet—, ihr Bild, das ich an meinem Herzen bis zu seinem letzten Schlage getragen. — Schreiben Sie gefälligst, daß ich ihr für all die Lieb' und Treu, die sie mir erwiesen, aus ganzem Herzen danken lasse, schreiben Sie ihr gefälligst, daß mein letzter Gedanke ihr und unserem Kinde gegolten, ein Segensspruch, ein Gebet für sie gewesen! Der junge Lieutenant hatte sich eifrig die Namen, die der Offizier nannte, in sein Notizbuch eingeschrieben und sprach: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Edelmann und Offizier, daß ich Ihren Auftrag pünktlich vollführcn will! Der polnische Graf schien den jungen Fürsten verstanden zu haben, seine bleichen sich zusehends mehr und mehr verfärbenden Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber er vermochte es nicht mehr, seinen Dank anszusprechcn, die letzten Worte, die er fast unhörbar, nur röchelnd hcrvorgcstoße», schienen den letzten Nest seiner Kraft erschöpft zu haben; — kurz darauf flog ein bläulicher Schimmer, der unmittelbare Vorbote des Todes über seine Züge, er athnictc tief auf, sein Körper streckte sich, — seine Seele hatte ihre irdische Hülle verlassen!" Der würdige Pfarrer mußte einen Augenblick innchalteu und sich die fenchtgewordenen Augen mit feinem Tascheutuchc trocknen. Seine ergreifende Schilderung dieser Todcssccnc hatte auf seinen kleinen Znhorerkrcis eine erschütternde Wirkung hergerufcn. Eva mußte darau denken, wie leicht ihr Sohn, ihr einzig Kind, ein gleiches Schicksal hätte ereilen können, und sie bemühte sich vergeblich, ihren strömenden Thräncn Einhalt zu gebieten, ihr lautes Schluchzen zu unterdrücken. Lea, die an ihrem eigenen ähnlichen Empfinden erkennen konnte, was in dem Mutterherzcu der alten Frau vorging, fiel ihr um den Hals, küßte ihr die Thränen von den runzeligen Wangen weg und sprach ihr ins Ohr: „Benlhige Dich Mutterl, auch mich hat es tief erschüttert, wie der Herr Pfarrer den Tod des fronzösischcn Offiziers geschildert; — aber das ist der böse Krieg! Acndern können wir es nicht! — aber seien wir nicht undankbar gegen Gott; erkennen wir es in Demuth, daß er gnadenreich unseren David vor einem gleichen Schicksal bewahrte und ihn ans so vielen blutigcnSchlachtcn unversehrt hervorgeheu ließ." Blochucr hatte unwillkürlich, als könne er nachträglich noch, durch seilten Batersegell beii Sohn vor jeder Gefahr schützen, seine Rechte auf Davids Haupt gelegt. Der Pfarrer fuhr in seiner Erzählung fort. „Der etwa vierzigjährige Ncgkmcntsarzt war, wie dies auch natürlich erscheint, weit erfahrener als der etwa zwanzigjährige Dragoncrlientenant und nachdem er den cingetretenen Tod des französischen Offiziers constatirt hatte, sprach er zu mir: „Wir bedauern, Sie, leider ohne ein günstiges Resultat erzielt, mit unserer Invasion beunruhigt zu haben. Ganz ohne jedes Ergebnis; ist dieselbe beim doch nicht geblieben. Da gar kein Zweifel darüber bestehen kan», daß der Verstorbene richtige Aufschlüsse