Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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134 zeugen will, bis zu welch entsetzlicher Höhe der Antisemitismus die Leidenschaften der niedersten Art, den Rcligions- und Racenhaß geschürt hat, so kann man dies nicht besser thun, als durch eine ausmerksame Berücksichtigung der Sello'schen Darstellung, dieses Pendants zu der ungarischen Blutbcschuldignng. Glücklicherweise ist dieKulturkraft unseres Jahrhunderts doch noch so stark gewesen, das; diese beiden, an die mittelalterlichen Tage erinnernden Prozesse, mit dem glänzendsten Resultate endigten. Möchte dies auch bei dem noch seiner Erledigung harrenden dritten Prozeß dieser Art, der Anklage gegen die bereits wiederholt zum Tode vcrurtheilten Eheleute Ritter in Galizien der Fall sein, über welchen binnen kurzer Frist eine Broschüre des Hr. Dr. Rosenblatt in Krakau gleichfalls Helles Licht verbreiten wird. Herr Dr. Sello hat sich düng die völlig klare und schonungslose Aufdeckung der antisemitischen Machination, mögen dieselben auch auf Persönlichkeiten in den Volksvertretungen zurückfnhren, ein bedeutendes Verdienst erworben. Was noch keine Partei zu thun wagte, hat die antisemitische ttDiene ausweislich der vorliegenden aktenmästigen Darstellung zu thun gewagt, sie hat es, und vielleicht nicht ganz ohne Erfolg gegenüber den Laieuelementeu des Gerichtes, versucht, den Racen- und Religionshaß in die Gerichtssäle hieneinzntragen und die Gerechtigkeit zu beeinflussen und zu beugen. Ties wird in dem deutschen Volke und in dem Staate Friedrichs des Großen, welcher mit Recht die preußische Justiz als die gerechteste in Europa von jeher angesehen hat, nicht unvergessen bleiben, und wenn einmal ein Mommsen der Zukunft die Geschichte derjenigen Parteien schreibt, welche am Ende des XIX. Jahrh. die Kulturcrruugcuschaftcu in Frage zu stellen sich bemühten, wird er als das Smnptom größter Entartung konstatkren, daß man bei einer schweren Anklage durch schimpfliche Manipulationen ein tendenziöses Verdikt im Parteiinteresse herbeizusuhrcu bestrebt war. F. Zeit« »rgs nach richten und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, 25. Januar. Am 10. d. hielt im Vereine „Sephath Emeth" Herr Dr. A. Berliner einen Vortrag, in welchem er ein Thema „aus der hebräischen Presse" behandelte. In seiner ebenso lehrreichen wie interessanten Rede schilderte der hervorragende Gelehrte die Preßverhältnisse unter den Juden vor der Erfindung der Buchdruckcrkunst und den Einfluß, welchen dieselbe auf den Druck hebräischer Werke geübt hat, zugleich gab der Redner einen Uebcrblick über die ersten hebr. Druckwerke und über die Entwickelung der hebräischen Presse bis auf die Gegenwart. Reicher Beifall lohnte die Ausführung des Redners. — Am letztvergangenen Freitagabend sprach Herr stuck. Mt. Adolf Blnmenthal über „die Frankfurter Rabbincrverfammlnng (1845) in historischer Beleuchtung." Zunächst behandelte der Redner die politische Lage der Juden in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts und beleuchtete näher an der Hand vieler Zeitstimmcn die reformistische Strömmung in Deutschland, welche weite Kreise mit sich fortriß, und die ihren Ausdruck in den Rabbinerversammluugcn zu Braunschweig, Frankfurt und Breslau fand. Redner gab dann ein buntbewegtes Bild von den Verhandlnngen in Frankfurt und von dem Austritte Frankels und begründete das allmählige Ersterben der großen Bewegung. Zum Schlüge legte er den unmittelbaren Erfolg resp. Mißerfolg dieser Versammlungen wie ihren Eifluß auf die heutige Zeit dar. Unter allseitigem, lebhaftem Beifall des zahlreich erschienenen Publikums schloß Herr Blumenthal seine llU ständige Rede mit dem Worte Heinrich v. Sybels: „Wer die Geschichte für sich hat, dem gehört die Zukunft!" — ck. Posen, im Januar. Wie bereits in voriger Nummer berichtet worden, hat der Kommerzienrath Samuel Jaffö mehrere Legate zu wohlthätigen Zwecken hinterlassen. Tie betreffenden Bestimmungen sind jetzt bekannt geworden, es sind folgende: 100,000 M. für die städtische Armenkasse, wovon jährlich an seinem Sterbetage die Zinsen zur Hälfte an christliche, zur Hälfte an jüdische Arme vertheilt werden sollen, je 3000 M. für die beiden israel. Krankenpflegungsvcrcine, 3000 M. für die Diakonifseu-Kraukcnaustalt, je 3000 M. für die (christliche) Jakobsche und die jüdische Waisenmädchcn-Erziehungsaustalt, 0000 Ri. für die jüdische Waisenknabenanstalt, 300 M. für das Kinderhospital, 600 M. für den Verein junger Kauflente, im Ganzen also 124,600 Ai. Außerdem sind am Beerdigungstage, nicht wie früher berichtet 6000, sondern circa 8000 M. theils der städtischen Armenkasse, theils verschiedenen wohlthätigen Vereinen und armen Familien überwiesen worden. Ferner sollen alle bisher von dem Verstorbenen an wohlthätkge Vereine und Institute, gewährte Beiträge und Spenden ungeschmälert fortbestehen.