Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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135 Frankfurt a. M., 22. Januar. Im Verein für jüd. Geschichte und Literatur hielt diesen Mittwoch Abend Herr Dr. D. Varnas; einen Vortrag über Flavins Joseph ns und seine Zeit. Redner warf zuerst einen Rückblick auf die Ereignisse, die den letzten Tagen von Jerusalem vorausgingen, mit dessen Sturz das Leben des Flavins Josephns eng verwoben ist. Der römische Einfluß in Judäa begann mit dem Tage, wo der Makkabäer Simon ein Büudniß mit den Römern schloß, wuchs durch die Zerwürfnisse unter den makkabäischen Nachfolgern dieses Fürsten und durch die Sektenstreitigkeiten, welche alle Begeisterung erstickten, und erreichte seinen Höhepunkt in der Zeit des Bruderkriegs zwischen Hyrkan und Aristobnl, der mit der Unterwerfung Judäas durch Pompcjus endigte, welcher nach Jerusalem kam und den Tempel betrat, aber mit großer Schonunug verfuhr. — Der schon durch die Verschiedenheit der Religion, welche bei den zwischen Unglauben und Aberglauben schwankenden Römern nur Staatsklugheit bildete, bei den Juden aber das ganze Leben und alle Verhältnisse dcffclbcn durchdrang und beherrschte, hcrvorgerufene Gegensatz zwischen Juden und Römern wurde durch die verkehrten, theilwcise höchst sonderbaren Anschauungen, erweitert, welche bei den Römern über Juden und Jndenthum verbreitet waren und durch römische Schriftsteller noch genährt wurden. Redner theilte einige solch' merkwürdiger Aeußcrungcn römischer Schriftsteller mit. So berichtet Tacitus als etwas höchst Berwnndcrungswerthes, daß im Tempel der Juden sich nicht eine einzige Göttcrftatue fände und alle Räume leer seien, und sonderbarer Widerspruch, an einer andern Stelle erzählt uns derselbe, daß im Tempel der Kopf eines Esels verehrt würde. Der Name der Leviten, schreibt er, solle von einem Beinamen des Gottes Bachus Herkommen, ebenso der Name des Sabbat mit dem Bachusdienste Zusammenhängen. Derselbe Schriftsteller behauptet, die Juden stammten von der Insel Creta und hätten ihren Namen vom Berge Idar. An einer Stelle rühmt Tacitus den großen Fleiß der Juden, und wiederum erzählt er, die Juden feierten aus Trägheit jede Woche einen Tag und alle sieben Jahre ein ganzes Jahr. War die Kluft zwischen Juden und Römern schon zur Zeit der Republik groß, so wurde sie noch größer unter den Kaisern, deren Zorn die Juden erregten durch ihre Standhaftigkeit in ihrer religiösen Ueberzeugung und ihren Widerspruch gegen die Kaiservergötterung, die, schon von Augustus geplant, unter den Nachfolgern desselben zur Ausführung gelangte. Als durch die unmenschliche Härte des letzten Landpflcgers Florns das jüdische Volk zur Verzweiflung getrieben wurde und sich empörte, wurde das Land in vier Vertheidignngsbezirke eingetheilt, und über den wichtigsten, den Schlüssel des Landes bildenden, Galiläa, wurde Flavins Josephns als Gouverneur gesetzt. Geboren im Jahre 87 aus pricsterlicher Familie, erhielt Josephns eine gute Erziehung und wurde frühzeitig in die heilige Lehre eingeführt, denn wenigstens berichtet er, daß er schon als Jüngling von l-t Jahren vor den Priestern Aufschluß über wichtige religionsgesetzliche Fragen gab. Drei Jahre verlebte er bei einem Einsiedler, der ihn in allen Gebräuchen und Gewohnheiten der Essäer cinwcihte. Im scchsundzwanzigsten Lebensjahre reiste er nach Rom, wohin einige Priester wegen einer Anklage beschicdcu waren. Durch einen jüdischen Schauspieler wurde er der Kaiserin vorgcstcttt, die er für sich cinznnehmcu wußte, so daß sic zu Gunsten der Borgcladencu intervenirte. Der Eindruck, den Josephns in Rom gewann, war' für ihn entscheidend. Geblendet von dem Glanze, den er in der Hauptstadt des römischen Reiches wahruahm, empfing er die Ueberzeugung, daß Widerstand gegen das gewaltige Römerreich vergeblich sei. Wenn'er, da seine Gesinnungen nicht unbekannt waren, trotzdem auf den entscheidenden Posten gestellt wurde, so muß man eben so sehr darüber staunen, daß man gerade ihm diese Stelle übertrug, lvic darüber, daß er, der doch wahrscheinlich damals noch keinen offenen Berrath an feinem Vaterlande beabsichtigte, dieselbe annahm. Es läßt sich nur damit erklären, daß selbst die Anhänger der Kriegspartei vielleicht meinten, ein Mann von solch hoher Bildung, wie Josephns an der Spitze, würde den Römern entgegentreten können. Daraus aber, daß Josephns dieses Amt trotz seiner ausgesprochenen römer-freundlichen Gesinnung übernahm, dürfen wir noch nicht schließen, daß er wirklich die Absicht hatte, Galiläa den Römern zu überliefern. Er konnte ja für den Augenblick wenigstens mit hingerissen sein, von der patriotischen Stimmung, die die Menge beseelte. Es schmeichelte auch wohl seiner Eitelkeit, auf einen so wichtigen Posten erhoben zu werden. Aber sein Auftreten in Galiläa selbst läßt kaum einen Zweifel, daß wenigstens in den cutschcidendcu Momenten trotz allen zur Schau getragenen patriotischen Eifers er nicht mit vollem Eifer bei der Sache war. Als die Schwester des Agrippa II. zu den Römern reisen wollte, wurde ihr von einigen patriotischen Jünglingen ihr Gepäck abgenommen, welches sich aber Josephns