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Der Israelit · 1885-01-29 · Heft 8 (29.1.1885) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 8 (29.1.1885)
Date
1885-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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128 sich durch die Gottcstchre bilden und entwickeln, mit ihrem Geiste sich erfüllen, feine Augen gewöhnen durch ihre Anschauungsweise feine Lcbcnsaufassung zn regeln, das Leben innerlich zu erfassen, ohne Rücksicht auf Gewohnheiten, Sitten und Anschauungen der übrigen Völker. Dann aber sehen wir Israel als Gottcsvolk auftrcten. Einzig steht es da unter der Völker Schaar mit dieser seiner Aufgabe, die nicht nach Außen wirken wollte, sondern nur das Wesen des Menschen, das Wesen der Gesammtmenschhcit, den Kern und Inhalt alles irdischen Strcbens zu erhalten, weiter zu bilden und zu vervollkommnen suchte. Wie ein rechter Lcbcnsbaum hört seine Thätigkcit nicht auf. Wenn auch außen Winterstarre es umgibt, jede äußere Thatigkeit ihm abgcschnitten ist; es lebt doch innerlich fort, es sammelt Kräfte, festigt sich selbst und entwickelt sich, um, wenn der Moment da ist, auch seine Thätigkeit nach Außen zu entfalten. — Wie staunt und freut sich das Ltzcnschcnherz, wenn nach kalter Wintcrzeit, wenn kaum die Sonne uns freundlich lvieder lächelt, ihr Strahl uns wärmer wieder trifft, die Knospen an den Bäumen Hervorbrechen; wie staunen und freuen wir uns über diese Veränderung, über dieses erste Zeichen neuerwachten Lebens! Und mit welchem Staunen und welcher Freude haben wir oft in der Geschichte unseres Volkes, wenn es ha Ae Zeiten durchgemacht, wo sein Lebensnerv durchschnitten schien, ein solch ungeahntes, unerwartetes, frisches, junges Leben begrüßt! Ja, unseres Volkes Lebeusgeschichte gleicht dem Lebensbaumc! weil cs, wie ein mächtiger Baum, tief in den Boden, in den es gepflanzt, aus dem es seinen Lebenssaft gewinnen, auf dem es fest stehen und sich entwickeln soll, seine Wurzeln geschlagen, breit und mächtig sich hinsctzt. Das ist auch das Geheimniß seiner Entwickelung, die bis auf unsere Tage herabreicht! - * * * Einst sprachen die Zweige eines Baumes, die voll der saftigsten Blätter, behängen mit herrlichen Früchten, frei in der reinen Luft sich hin- und herwicgten, zn einander: „Brüder, seht, wie schön wir sind, wie herrlich es ist, wenn lvir vom Sonnenstrahl beschienen, vom Lufthauch bewegt werden! Alles an uns ist voller Leben und Bewegung! „Rur schade, daß wir an den knorrigen, alten Stamm da unten gefesselt sind, der uns hindert, gleich dem Vogel in der Luft, frei und leicht uns Hinzuschwingen, wohin die Lust uns treibt! Seht, wenn die Sonne weiter geht, sind wir gehindert, ihr zn folgen, in ihren Strahlen uns zu baden! Und wenn ein Sturmwind kommt und an dem alten Stamm, der sich ihm so breit entgegenstellt, seine Kraft erprobt, da ergeht es uns oft gar schlimm, die wir uns doch vor leisem Lusthauch beugen, um ja nur keinen Widerstand zu bieten! Wir können ja nichts dazu, daß der alte, unschöne Stamm so zäh festhält an dem Boden, auf dem er steht und und solchen trotzigen Widerstand leistet! Und durch ihn müssen wir leiden, werden unsere Blätter zerzaust und abgerissen, werden wir oft zu früh unserer herrlichen Früchte beraubt! Was kümmert das den Stamm! Ter fühlt nicht mit uns, weiß nichts von freier Bewegung im reinen Aethcr; er steht starr und leblos auf der Stelle, wo er hingesetzt wurde!" — Da kam ein gewaltiger Sturmwind und riß viele dieser Zweige ab, trieb sie in tollem Tanze eine Weile in der Luft umher. Schon jauchzten sie über die so lang ersehnte Freiheit; schon wähnten sie dem Vogel gleich zu fliegen, da — fielen sie aus schwindelnder Höhe nach und nach zur Erde. Wenige Stunden und die Blätter welkten, sie selbst verdorrten, wurden achtlos zertreten und bei Seite geschafft. Das war das Loos der Zweige, die vom Stamme getrennt sein wollten. Der Stamm blieb stehen, trieb neue Zweige, brachte neue Blätter, Blüthen und Früchte hervor, wie in früheren Tagen. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Schlesien. pmfcn *?2n! Wiederum hat der Tod eine tiefe Lücke in die kleine Schaar der wahrhaft frommen, gottbcgeistertcn Männer und Zierden des Judenthums gerissen! Am 10. d. M., niEir 'c p"ir"c verschied zu Dresden, fromm und gottergeben, wie er gelebt, ein, seit seiner Jugend unermüdlicher Forscher, Lehrer und Kämpfer für's Judcnthum mo rrt 2py' 'i. Dr. I. H. Jakobsohn im 74. Lebensjahre. — Wie sein Vater, der Lehrer Hirsch Jakobsohn zu Beuthen (O.-S.) widmete er sich dem Lehrfache bis in die 50er Jahre. Er promovirte sodann als Dr. theol. und bekam einen Ruf als Rabbiner nach Belgard in Pommern, wo er nur kurze Zeit blieb, um einem Rufe nach Marienwerder in Wcstprenßen zu folgen. — In diesem, meist von hohen Beamten bewohnten Orte, wirkte er über 25 Jahre. In Gemeinschaft mit vielen dieser Beamten gründete er einen Literatnrverein, 4

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