Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449512--21567-2511149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
127 Nicht soll der Mensch vergessen, daß auch er gleich dem Baume der Erde entsprossen, ein Erdensohn ist, aus ihr seine Nahrung zieht, mit ihr aufs Innigste verbunden ist, sich nicht von ihr trennen, über sie sich erheben kann; aber von ihr aus, aus ihr stehend, gleich dem Baume aufstrebcn soll zum Sonnenglanz, zur Himmelslnst, hoch über ihr herrliche Fruchte hervorzubringcn. Nicht'immcr soll er nur in der Erde Innerem wühlen, ans'ihr Schätze graben; nicht soll er nur Erdcnlust und Erdcnfrcndc suchen, denn cs gibt auch Erdenleid und Erdenknmmer, die nicht durch irdisches Glück, und sei es noch so groß, beseitigt, gelindert werden. Drum muß er von der Scholle weg aufwärtsstrcben, das echte, reine Glück, das nur von Oben ihm erblühen kann, des Lebens wahre Freud und eigentlichen Berns in, wenn auch irdischen, doch von der Erde Oberfläche an aufwärts gerichteten Bestrebungen und Zielen suchen lernen. Wenn der Baum im Sommer in seiner vollen Entwickelung dasteht, in seinem Blätterschmnck, reich behängen mit herrlichen Früchten; da meinen und denken wir, so sollte, so müßte cs immer sein, so wäre er 212'. n*nD'? icm „eine Augenweide, ein Hochgenuß". Doch die Blätter welken, die Früchte werden gebrochen, und bald steht der kurz zuvor noch so schöne, herrliche Baum da als ein kahler Stamm, nichts erinnert mehr an seine frühere Schönheit und Fruchtbarkeit. Es beginnt aber für ihn nichtsdestoweniger eine Zeit der Thätigkeit und Wirksamkeit, der Entwickelung und Vervollkommnung, nur daß sie nicht nach außen gerichtet, sondern der eigenen inneren Erstarkung und Kräftigung gilt, um daun später wieder mit erneuter, vermehrter Kraft nach außen wirksam sein zu können. Diese Seite seiner Thätigkeit und Wirksamkeit ist gerade so nothwcndig und nützlich, wie die nach außen. Auch wir Menschen bedürfen so der inneren Erstarkung und Sammlung, der inneren Entwickelung und Bcrvollkommnnng. Wohl muß sich unsere Wirksamkeit nach Außen richten, nicht für uns allein, sondern noch mehr für die Gesammthcit; aber im Innern haben wir vor Allem die eigene .Erstarkung und Befähigung anznstrcben. D i e Thätigkeit und Wirksamkeit gilt vorwiegend der Welt; die Entwickelung und Ausbildung aber uns allein. lind so wie des Baumes und des Einzelmeuschen Leben ein doppeltes ist, nach Außen die Thätigkeit, nach Innen aber die eigene Ausbildung; ebenso ist cs auch mit dem Leben, der Wirksamkeit und Aufgabe der Völker. Ganz besonders ist es von jeher unseres Volkes Aufgabe gewesen, auf die innere Entwickelung und Vervollkommnung sein Hauptaugenmerk zu richten. Es sollte nach Außen keine große Rolle spielen, wie man das zu bezeichnen pflegt. Nicht in der äußeren Machtentfaltung, nicht im großen Länderbesitz sollte es seine Aufgabe erblicken; sondern einzig und allein durch die Früchte, die es nach seiner inneren geistigen Entwickelung und Erstarkung hcrvorbrachte, nach Außen hin wirken, sollte durch sein Beispiel belehren und bilden. Die Gottesidee sollte es tiesinncrlich hegen und pflegen, an sich selbst gleichsam der Welt ihre Wirksamkeit zeigen. Auch die Völker haben gleich dem Baume Zeiten der schönsten Blüthe und Entfaltung, bald auch wieder Zeiten, wo scheinbar ihre Aufgabe vollendet, wo sie abgestorben sind. Doch nur solche Völker, die ihre ganze Wirksamkeit nach Außen verlegt haben, die sterben dahin, und das nm so rascher, je größer diese Thätigkeit nach Außen war. Solche Völkex überleben sich, werden schwach und kraftlos und vergehen; sie gleichen jenen Bäumen, die bald absterben oder keine Früchte mehr Hervorbringen, nachdem sie zu große Fruchtbarkeit entfaltet haben. Anders zeigt sich unser Volk. Es ist ein Baum, der wohl schöne Sommer erlebt, aber auch viele Winterstürme hat an sich vorüberziehen gesehen, in denen cs scheinbar zurückgchaltcn wurde von der Weiterentwickelung, und in seiner Thätigkeit gelahmt schien. Aber gerade diese Winter haben es immer wieder frisch erstarken lassen, haben es hingewiesen auf die eigene Festigung und Sammlung neuer, frischer Kräfte. Und so hat Gott es erst einen solchen harten Winter in Egypten durchwachen lassen, ehe es seine große Mission übernahm. Es hat alle Mühsal und alles Elend des Erdenlebens durchkosten müssen, nm es zur Erkenntniß zu führen, daß nicht das Leben im gewöhnlichen Sinne uns beglückt und das Erstrebeuswcrthestc ist, daß cs gar leicht auch einem ganzen Volke verbittert werden kann. Als es endlich dem Peiniger entronnen, die so lang entbehrte Freiheit von seinem Gotte zurück- - erhielt; als es wähnte, von nun an dem Genüsse dieser Freiheit sich ganz und voll hingeben zu dürfen: da führt cs Gott erst in die Wüste, wo es mit Entbehrungen aller Art, mit Hunger und Durst hcimgcsucht wurde. Es war wieder eine harte Zeit; vom Genuß der Freiheit kaum eine Spur; es konnte nicht als Volk, als freies Volk anstreten, sich noch nicht den anderen Völkern anreihcn; nicht einmal den Kampf um sein zukünftiges Land sofort aufnehmen; sondern cs mußte erst innerlich erstarken,