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Der Israelit · 1885-01-29 · Heft 8 (29.1.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 8 (29.1.1885)
Date
1885-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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126 reu Zeit auch sein möge», sie verdieuen die vollste Berechtigung, und unsere Glaubensgenossen würden sehr unrecht thun, wenn sie sich schmollend zurückzichen und nicht nach ihren Kräften zum Gelingen der beabsichtigten Feier beitragen würden. Es ist eine Eigenthümlichkeit des jüdischen Stammes, für empfangene Wohlthaten dankbar zu sein. Wir wollen daher nicht vergessen, daß das deutsche Volk dem Fürsten Bismark die Verfassung des deutschen Reichs verdankt, welche die letzten Schranken, die der Emancipation entgcgenstandcn, in allen deutschen Landen hinweggcräumt hat. Auch wollen wir nicht vergessen, daß der Reichskanzler jene schmählichen Petitionen, die uns eines Theiles unserer bürgerlichen und politischen Rechte berauben wollten, unbeantwortet und unbeachtet gelassen. Wir sind daher der Ansicht, daß unsere Glaubensgenossen wobl daran thun werden, sich au dem Zustandekommen der beabsichtigten Feier thätig und eifrig zu betheiligcn. Sollte in einzelnen Orten sich zu diesem Zwecke einEomitö nicht bilden, so mögen die betreffenden Glaubensgenossen ihre Beiträge an uns oder an Herrn Justizrath Siegmund Meyer in Berlin, Spandanerstraße 63, einsenden. Am» 15. Sch'rvat. Von Dr. H. Sänge r. In aller Stille feiern wir Inden tief im Winter, am l r».L2V, den Geburtstag der Pflanzenwelt. Starr und kahl strecken die Bäume ihre blattlosen Zweige in die Luft, oft schwer vom Schnee belastet und mit .glitzernden Eiszapfen behängen. Rings breitet sich eine echte Winterlandschaft aus; Mensch und Thier leben zurückgezogen in ihrer schützenden Wohnung, um sich der Unbilden der rauhen Jahreszeit zn erwehren. Ter kalte Nord scheint alles Leben zn Gis erstarrt zn haben. Doch tief im Innern der Erde beginnt bereits neue Lebenswärme zur Oberfläche heraufzusteigen: die Wurzeln der Bäume sangen bereits an, tief im Boden Feuchtigkeit aufznsaugen, Säfte an sich zu ziehen, um sie dann bis zu den höchsten Wipfeln der Bäume hinaufzuleiten. Gin wunderbar still verborgenes Wirken und Schassen der Natur! Welches Maaß von innerer Wärme, welche Fülle von Säften, welche Kraft und welche Entwickelung gehört dazu, um dieses Wunder — denn ein Wunder, ein göttliches, wenn auch erklärbares Naturwunder ist es — zu bewirken, das wir freilich erst dann bemerken, wenn es aus seiner Verborgenheit heraustritt, wenn die Knospen an Baum und Strauch Hervorbrechen. Betrachten wir uns das Leben, die Entwickelung der Pflanzenwelt in ihrem vollendetsten Repräsentanten, dem Baume, und es werden sich auch für uns Menschen beherzigenswerthe Winke daraus ergeben. Tief in den Boden schlägt der Baum seine Wurzeln, um Säfte auszuuchmen, Halt gegen Wind und Sturm zu gewinnen. Fest ist der Stamm und breit setzt er sich auf den Boden. Himmelan strebt er, wiegt in reiner Luft seine Zweige; seine Blätter saugen die Feuchtigkeit der Lust aus, sammeln ne und führen sic dem Baume zu, auf daß er wachse und Früchte hervorbringe. Wenn er im Winter, äußerlich scheinbar abgestorben, aber nichtsdestoweniger thätig, mit der Verarbeitung, Festigung und Verdichtung der im vorangegangcnen Sommer in sich ausgenommeueu Säfte beschäftigt, sich gleichsam gesammelt, vorbereitet und befähigt hat; dann erst kann er wieder eine erneute äußere Thütigkeit und Wirksamkeit ausnehmen und entfalten. So schasst und wirkt die Natur; so schafft und wirkt Gott in der Natur. Auch der Mensch führt ein ähnliches Doppelleben, hat eine ähnliche doppelte Wirksamkeit. Will er einst als kräftiger, fruchtbarer Baum dastehen, so muß er vor Allem in der Verborgenheit und Zurückgezogenheit Kräfte sammeln, muß fest wurzeln in dem Boden, in den er gesetzt ist, auf dem er seines Lebens Tätigkeit beginnen, seines Lebens Beruf erfüllen soll. Erst dann kann er hinstrcben, sich in höhere Regionen erheben, hinaus zum Sonnenlichte, um dort in der reinen, vom Goto der Sonne durchstrahlten, von ihrem Licht durchleuchteten, von ihrem reinen Feuer durchwärmte» Luft, Licht und Wärme zu empfangen, die Ideale des Menschen, die gleichsam zwischen Erde und Himmel liegen, anzustreben. Aber nicht darf der Mensch vergessen, daß, sowie die Zweige eines Baumes nicht bloß der Luft, in der sie sich gleichsam frei bewegen, ihr Dasein fristcn, sondern auch aus der Erde ihre Nahrung ziehen, mit dem Stamme verwachsen sind, der tief in den Boden seine Wurzeln schlägt, dort sich anklammert, um den Stürmen Trotz bieten zn können; ebenso darf der Mensch nicht vergessen, daß er nicht von bloßen Idealen leben kann, daß er vielmehr auf dem realen Boden, daß er innerhalb der realen Vorgänge dieser Welt, daß er inmitten der Menschen alltäglichem Treiben den festen Halt zu suchen hat.

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