Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1885)
- Date
- 1885-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. M 8. Ei» Kentrak - Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Heransgegebeu von 3>r. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 2S. Janirar 5645 (1885). Leitende Artikel. Gin Wendepunkt in der antisemitischen Bewegung. Mainz, 27. Januar. Der Kanzler des deutschen Reiches, Fürst Otto von Bismark, feiert am 1. April d. I. seinen 70. Geburtstag und bald darauf sein 50jähriges Amtsjubiläum. In verschiedenen Städten und Ländern beschäftigt man sich mit der würdigen Gestaltung dieser Feier. Alle diese Vorbereitungen trugen aber mehr oder minder einen demonstrativen Charakter und gingen vom Parteiftandpunkt ans. Sie knüpften an die bekannten Reichstagsvorgänge an. Eine Anzahl Männer — und an deren Spitze hocharistokratische Namen — hielt es nicht für angemessen, diese Bahn einzuschlagen; sie wollen vielmehr den 70. Geburtstag des Reichskanzlers zu einem allgemeinen Feste und Friedenstage gestalten, an welchem die ganze Nation ohne Unterschied der Parteistellung und der Religion sich betheiligen sollte. Dieser leitende Gesichtspunkt wurde in der ersten ComitLsitzung von allen Theilnehmern adoptirt. Zu dieser Eomitösitzuug wurde auch der Vorsitzende des Vorstandes der israelitischen Gemeinde zu Berlin, Herr Justizrath Sigmund Meyer, ei »geladen und in den geschäftsführenden Ausschuß gewählt. Dem Manne, welcher den wesentlichsten Anthcit an Deutschlands Einheit und Größe gehabt, welcher den deutschen Namen in allen Ländern und Welttheiten zu einem hochgeachteten gemacht hat, gebührt der Dank der Nation und jedes Einzelnen, der sich als Deutscher fühlt. Der politische Standpunkt des Einzelnen ändert an dieser historischen Thatsache nichts. Mag Jeder für die von ihm als richtig erkannten Grundsätze mit vollem Mannesmuth eiutreten, dies hindert nicht, in dem Fürsten Reichskanzler einen der größten Männer, vielleicht den größten der Jetztzeit, zu bewundern und zu verehren. Auch die Dotationen, welche der Staat gegeben, entbinden den Einzelnen nicht von der Verpflichtung, seiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben. Es ist bekannt, das; man den Reichskanzler als den Urheber des Antisemitismus bezeichnet hat, das; man ihm wenigstens Schuld gegeben hat, durch Duldung dieses Nebel gefördert zu habe»; man ist ans seine Reden im vereinigten Landtage zuruckgekommcn. Ganz unberechtigt mag dieser Vorwurf nicht sein; allein, an den genialen Staatsmann ist ein anderer Maßstab auzulegen, als an andere Sterbliche. Mit gleichem Rechte können fast alle Parteien und viele hervorragende Männer sich beklagen, daß der Reichskanzler sie benutzt und dann hat fallen lassen. Biele empfinden noch heute die Schwere seiner politischen Gegnerschaft. Allein alle die Härten verschwinden gegen die Großartigkeit der Pläne und die Energie der Durchführung. Ein Studium seiner Briefe aus Franks,nt a. M. muß jeden Leser mit hoher Verehrung erfüllen für diesen Mann. Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Reichskanzler keinen Anstand nehmen würde, einen Inden zu hohen Aemtern zu berufen, wenn er in ihm die Fähigkeit erblickt, durch ausgezeichnete Intelligenz seinen Zwecken zu dienen. Inmitten aller trüben Erscheinungen der letzten Jahre erscheint es als ein Licht- und Wendepunkt, daß gerade jetzt die conservative Partei bei ihrer Neubildung Stöcker und Luckhardt ausschließt, und daß man gleichzeitig den Vorsitzenden der ersten jüdischen Gemeinde Deutschlands als solchen zu einem nationalen Werke heranzieht. Wie gering diese Anfänge einer beste-